Vor einigen Tagen habe ich mich sehr gefreut, als ich auf
Facebook sah, dass am jüdischen Friedhof in Rechnitz sich in der Erde befindliche Grabsteine und Grabsteinfragmente geborgen werden konnten und an der Friedhofsmauer aufgestellt wurden. Den Plan hatten
Christine Teuschler und Eva Schwarzmayer schon vor einigen Jahren, schön, dass es ihnen jetzt gelungen ist, das Vorhaben zu realisieren. Denn nun ist es, zumindest bei den meisten Grabsteinen und Grabsteinfragmeinten, möglich, die fast ausschließlich hebräischen Inschriften zu lesen und zu übersetzen.
Noch mehr gefreut habe ich mich, als ich eingeladen wurde, mir die Grabsteine und Inschriften anzusehen. Sie sollten natürlich fotografisch archiviert und die Inschriften dokumentiert werden.
Die jüdische Gemeinde Rechnitz entstand wie die meisten der ehemaligen jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft der ungarischen Adelsfamilie Batthyány und erreichte, ebenfalls wie fast alle anderen ehemaligen jüdischen Gemeinden in dieser Region in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höchststand, im Jahre 1859 mit 880 Gemeindemitgliedern. 1938 bedeutete auch für die knapp 150 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde das jähe Ende, bis November 1938 hatten alle Jüdinnen und Juden den Ort verlassen müssen.
Am jüdischen Friedhof, der in der Vergangenheit mehrmals geplündert und geschändet wurde, befinden sich heute circa 160 Grabsteine. Umso erfreulicher, dass nun weitere circa 60 Grabsteine und Grabsteinfragmente geborgen werden konnten.
Beim ungarischen jüdischen Landeskongress vom Dezember 1868 bis Februar 1869 kam es zu einer Neuordnung der jüdischen Gemeinden, die schließlich zur endgültigen Teilung in neologe, orthodoxe und status-quo-ante-Gemeinden führte. Die jüdische Gemeinde Rechnitz, die größte jüdische Gemeinde der jüdischen Gemeinden unter Batthyánischer Herrschaft (neben Schlaining und Güssing), entschied sich, hinkünftig eine neologe jüdische Gemeinde zu sein.
Dass für diese Entscheidungen die jeweiligen religiösen und geistigen Gemeindeführer, die Rabbiner, maßgeblich verantwortlich waren, liegt auf der Hand. Die Sieben-Gemeinden auf esterházyschem und heute nord- und mittelburgenländischem Gebiet schlossen sich klar der Orthodoxie an, die südlichen Gemeinden, Schlaining, Rechnitz und Güssing trafen teils nicht so klare Entscheidungen.
In Rechnitz folgte auf den orthodoxen Rabbiner Gabriel Engelsmann nach einer achtjährigen Vakanz (vom Tod Engelsmann 1850 bis 30. Dezember 1858) der Reformrabbiner Maier Zipser, der großen Einfluss auf die jüdische Gemeinde hatte und 1869 starb. Auch sein Nachfolger, der Zipsers Witwe heiratete, Moritz Moses Ehrlich, dürfte die jüdische Gemeinde Rechnitz im Geist seines Vorgängers 50 Jahre lang geführt haben, bis zum seinem Tod 1921.
Also gings gestern in der Früh nach Rechnitz, es war sozusagen der Sondierungstag und die Ergebnisse dieses ersten Ansehens der Grabsteine und Inschriften war schon so spannend und übertraf alle meine Erwartungen, dass ich mich schon sehr auf die nächsten Besuche freue.
Nur so viel sei jetzt schon verraten: Fast alle Grabsteine und Grabsteinfragmente, die wir heute ein wenig unter die Lupe nehmen konnten, waren aus der Zeit 18. Jahrhundert bis spätestens Mitte 19. Jahrhundert, also aus einer Zeit, als in Rechnitz noch die strenge Orthodoxie geübt wurde und von Reformjudentum noch keine Rede war. Das ist an mancher Inschrift gleich auf den ersten Blick zu erkennen, und zwar sowohl am Stil und Inhalt der Inschrift selbst als auch an der teils faszinierenden und von mir nicht erwarteten Grabsteinsymbolik bzw. der “Beschriftung der Grabsteinsymbolik”.
Es war ein sehr heißer Tag, nach einigen Stunden beendeten wir unseren Besuch und ich bedanke mich bei den beiden Damen von
REFUGIUS, Christine Teuschler und Eva Schwarzmayer sehr herzlich für die Einladung nach Rechnitz.
Der Rückweg führte über Hochstrass, ein kleiner Ort nahe Lockenhaus. In Hochstrass bekommt man bei Ruth Patzelt den wirklich mit Abstand besten Honig. Als Honigliebhaber quasi ein doppelter Grund, in Hochstrass Pause zu machen: um Ruth zu treffen und um den sensationell guten Honig zu kaufen.
Trotz des verschiedenen historischen Hintergrundes fühle ich mich beim Honigkaufen in der Mittagshitze im sehr stillen Hochstrass ein wenig an die Heidelandschaft Theodor Storms im Jahr 1847 erinnert:
Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.
Theodor Storm, Abseits, letzte Strophe
Ruth Patzelt ist aber nicht nur eine tolle Imkerin. Über ihre jahrzehntelange Arbeit zur
Geschichte der Jüdinnen und Juden in Lockenhaus lesen wir, übrigens genauso wie über die beiden Damen
Christine Teuschler und Eva Schwarzmayer, in einigen Tagen in meinem nächsten Blogartikel mehr.













