Der Transkribierer

Jüdischer Friedhof Lackenbach – Übersicht

 

Der jüdische Friedhof Lackenbach ist mit ca. 9.000m2 der zweitgrößte und an der Anzahl der Grabsteine gemessen, mit 1.747 Grabsteinen, der mit Abstand größte jüdische Friedhof im Burgenland. Deutschkreutz ist an Fläche nur wenige Quadratmeter größer, allerdings befinden sich auf dem jüdischen Friedhof von Deutschkreutz neben einem Massengrab nur wenige Grabsteine. Ähnlich Mattersburg mit 8.500m2 und nur einigen wenigen Grabsteinen, eingemauert in eine künstlich aufgestellte Mauer am Friedhof. Vor 1938 waren es um die 1.500 Grabsteine. An dritter Stelle nach Größe liegt der jüdische Friedhof Rechnitz mit 8.200m2 und 186 Grabsteinen.

Ich erinnere mich, dass die Grabsteine des Friedhofes schon in den frühen 1980er Jahren von in Israel lebenden Nachfahren Lackenbacher Jüdinnen und Juden gezählt, numeriert und mit Namen und Sterbedatum erfasst wurden. Ganz genau erinnere ich mich noch an die großen mit graugrüner Farbe angebrachten Nummern auf den Grabsteinen, die zum größten Teil heute nicht mehr erhalten sind.
Die offensichtlich damals entstandene Liste (weil sich die Nummern eben auf diese ehemaligen mit der Hand aufgetragenen Nummern beziehen) finden wir seit 2009 auf der Website von JewishGen. Die Quelle für diese Liste ist, so lesen wir da, auf eigenen Wunsch anonym.


 

Das sicher größte Problem, heute eine vollständige Dokumentation zu erstellen, ist die extrem schlechte Lesbarkeit einer überaus großen Anzahl an Inschriften. Überdurchschnittlich viele Inschriften sind heute überhaupt nicht mehr lesbar. Eine auch nur einigermaßen vollständige Dokumentation, die über die bloße Namens- und Sterbedatenliste hinausgeht, ist heute nicht mehr möglich. Die Grabinschriften hätten, wie die Erfahrung lehrt, spätestens in den 1980er-Jahren abgeschrieben werden müssen. Schon bei Erstellung der Liste in den 1980er Jahren waren 157 Grabinschriften, also fast 10%, unleserlich. Und “Unleserlich” bedeutet in diesem Fall, dass nicht einmal Name und/oder Sterbedatum gelesen werden konnte.

2018 wurde die Sanierung des jüdischen Friedhofes Lackenbach mit Mitteln des Fonds zur Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich abgeschlossen. Auf den Grabsteinen wurden, so wie auch in Kobersdorf, kleine Metallplättchen mit Nummern angebracht. Dazu gibt es einen Plan, auf dem die Standorte der Grabsteine mit der jeweiligen Nummer eingetragen sind. Ob es eine Konkordanz der Nummern auf den neuen Metallplättchen und den alten per Hand aufgemalten Nummern gibt, weiß ich leider nicht, kann es mir aber nur schwer vorstellen.

Der Leiter Stabsstelle Friedhofsfonds des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus schreibt in einer Email am 27. Juni 2022, die ich tags darauf ‒ weitergeleitet ‒ erhielt:

Die Zahlen auf dem Plan korrespondieren mit der Tomb-Datenbank der IKG Wien.

In der Friedhofsdatenbank der IKG kann ich aber nicht nur keine korrespondierenden, sondern überhaupt keine Namen finden. Dasselbe gilt auch für den jüdischen Friedhof Kobersdorf. Zumindest gilt für das (mir zur Verfügung stehende) Frontend der Datenbank, dass der oben zitierte Satz in der Email nicht stimmen kann, weder für Lackenbach, noch für Kobersdorf. Geheimgehaltene und korrekt befüllte Datenbanken nutzen jedenfalls niemandem.

Auf den Punkt gebracht: Natürlich leiden wir heute unter dem Problem, dass vor 30 und mehr Jahren niemand daran gedacht hatte, die Grabinschriften zu sichern, zu dokumentieren, zu archivieren. Vieles, zu vieles ist unwiderruflich verloren. Gemeint sind die Jahre nach 1945, als in den Orten, in denen es einst jüdische Gemeinden gab, keine Juden mehr lebten und die nichtjüdische Öffentlichkeit, insbesondere auch die öffentliche Hand, die Pflicht gehabt hätte, sich um die Dokumentation zu kümmern, Geld zur Verfügung zu stellen, Projekte auszuschreiben etc. In Österreich wurde nichts, wirklich nichts in dieser Richtung getan (siehe auch besonders meine diesbezüglichen Anmerkungen in “Über die hebräischen Grabinschriften I“). Das größere Problem allerdings ist meines Erachtens, dass auch heute, 2023, von der öffentlichen Hand nahezu nichts getan wird (es gibt bloß einige wenige kleinere Privatinitativen), was die Sicherung und Dokumentation der Grabinschriften betrifft. Geld ist nur da für Baumeisterarbeiten, Instandsetzungen, Rodungen etc., kein Cent für wissenschaftliche Dokumentationsarbeit.
Für baumeisterliche etc. Arbeiten am jüdischen Friedhof Lackenbach wurden zwischen 2014 und 2018 365.000 Euro ausgegeben. Dass Lagepläne mit den Namen der Verstorbenen und Nummernkonkordanzen (alte Nummern und neue Nummern) erstellt werden, oder dass gar eine grundlegende Dokumentation möglich gemacht wird, war und ist in diesem Geldtopf nicht vorgesehen. Und es interessiert auch niemanden, weder die öffentliche Hand, auch nicht die Presse.

Es ist ärgerlich. Die Leitragenden sind vor allem die Nachfahren jener Lackenbacher Jüdinnen und Juden, die 1938 aus Lackenbach vertrieben wurden und die Schoa überlebt haben, mittlerweile oft schon in der 2. oder 3. Generation. Ein junger Franzose, Monsieur Dan Saada (Guttmann), schrieb mir vor einigen Wochen über unsere Facebookseite, dass er einige Grabsteine seiner Verwandten in Lackenbach sucht. Er hatte schon den Nummernplan mit den neuen Nummern und selbstverständlich auch die oben zitierte Liste mit den alten Nummern und ging davon aus, dass daher die Grabsteine leicht zu finden sind. Er hatte aber natürlich keine Ahnung, dass man heute nur mehr sehr wenige alte Nummern sieht, wusste aber auch von keiner Konkordanz der alten und neuen Nummern. Auch die im Rahmen der Renovierungsarbeiten angefertigte Datei mit den Fotos der Grabsteine ist praktisch völlig unbrauchbar, weil die Fotos schlecht sind (Inschriften großteils nicht lesbar) und weil nur die neuen Nummern darin verzeichnet sind, die ohne Namen natürlich nutzlos sind. Ich versuchte dem jungen Mann zu helfen, fuhr mehrmals nach Lackenbach und konnte trotz vieler Stunden Suche von sieben Grabsteinen gerade einmal zwei finden: Sidonia Feigelstock, gest. 06. August 1909 und Leopold Kornfein, gest. 14. April 1879.

Der jüdische Friedhof Lackenbach zeigt sich in Polaritäten: Das Grab des großen und frommen Gelehrten Scholem Ullmann, genannt Rabbi Scholem Charif (“der Scharfsinnige”), gest. 1825 mit sehr schöner, gelehrter hebräischen Inschrift, befindet sich vorne ganz nahe an der Friedhofsmauer. Nur wenige Meter entfernt die “Nobelgerüste a la Döblinger Friedhof”[1], wie der Journalist Otto Abeles die Gräber von Philipp und Markus Schey, des Urgroßvaters von Arthur Schnitzler, nennt. Baron Philipp Schey von Koromla (geb. 20. September 1797 in Köszeg, gestorben am 29. Siwan 5641 = 26. Juni 1881 in Baden bei Wien), dessen älterer Bruder, war bekanntlich der erste jüdische Adelige Ungarns. So wurde etwa die jüngst renovierte und neu eröffnete Synagoge von Közseg aus Mitteln einer Stiftung von Philipp Baron Schey von Koromla gebaut. Auf seinem Grabstein finden sich eine hebräische und eine deutsche Inschrift.
Bis auf die Grabsteine der Familie Schey und Ergänzungen eines deutschen Namens auf einigen wenigen anderen Grabsteinen finden wir, so wie auf fast allen jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes, auch auf dem jüdischen Friedhof Lackenbach praktisch ausschließlich hebräische Grabinschriften.

Was mir in der Klarheit auf keinem anderen jüdischen Friedhof im Burgenland aufgefallen ist, sind viele Kohanimgräber ganz nahe an der Friedhofsmauer. Über den Grund, siehe bitte meinen Artikel “Der Herr segne und behüte dich“:

Kohanim-Gräber an der Mauer, jüdischer Friedhof Lackenbach
Kohanim-Gräber an der Mauer, jüdischer Friedhof Lackenbach. Selbstverständlich war vor 1938 die Friedhofsmauer nicht so hoch!
 

 


[1] Abeles Otto, Das freundliche Lakenbach, in: Wiener Morgenzeitung vom 16. Februar 1927, 4. [Zurück zum Text (1)]

 

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