Der Transkribierer

Über den Grabstein II

Über die kleinen Steine auf den Grabsteinen

Zu den vor allem auch in nicht jüdischen Kreisen bekanntesten Bräuchen rund um den jüdischen Friedhof und den jüdischen Grabstein gehört, dass sowohl am Ende der Begräbniszeremonie als auch beim Besuch eines Grabes Steine auf den Grabstein gelegt werden. Vorweg: es gibt keine eindeutige Erklärung und es gibt vor allem auch kein Gebot, Steine auf die Grabsteine zu legen. Dennoch tun es die meisten Jüdinnen und Juden, die Erklärungen für den Brauch sind vielfältig.

Grabstein Rabbiner Meir Eisenstadt, 27. Siwan 504 = 07. Juni 1744, Ausschnitt
Grabstein Rabbiner Meir Eisenstadt, 27. Siwan 504 = 07. Juni 1744, Ausschnitt, Foto: 16. Juni 2023

 

Die am häufigsten gehörten Erklärungen dürfen wir wohl als Kinder der Aufklärung bezeichnen. Etwa dass die Steine ein Symbol dafür sind, dass in früheren Zeiten ein Grab in der Wüste nicht gefunden werden hätte können, wenn es nicht durch einen Steinhaufen gekennzeichnet gewesen wäre. Oder dass die Steine über dem Grab davor schützen, dass wilde Tiere ins Grab gelangen usw.

In den Bereich des Aberglaubens fallen Erklärungen wie, dass die Steine die Seele im Grab halten, da man glaubt, dass die Seelen nach dem Tod noch eine Zeitlang im Grab verweilen.

Blumen werden vom jüdischen Gesetz zwar nicht verboten, die jüdische Tradition, sprich manche jüdische Gelehrte, lehnen Blumen am Grab aber wahrscheinlich ab, weil die Blumen zu viel Nähe zu christlichen bzw. heidnischen Bräuchen zeigen. Darüber hinaus stehen die Blumen als Symbol für das Leben, weil sie wachsen, blühen, verwelken, sterben…, während die Steine niemals sterben, wie die Erinnerung an die Verstorbenen.

Dabei weiß der Talmud zu berichten, dass es üblich war, eine Myrte auf die Bahre zu legen:

רַב אָשֵׁי אָמַר: אַף עַל גַּב דְּלָא אִשְׁתַּהִי, נָמֵי לָא מַשְׁהִינַן לֵיהּ. מַאי טַעְמָא, יוֹם טוֹב שֵׁנִי לְגַבֵּי מֵת — כְּחוֹל שַׁוְּיוּהּ רַבָּנַן, אֲפִילּוּ לְמֵיגַז לֵיהּ גְּלִימָא, וּלְמֵיגַז לֵיהּ אָסָא.
R. Aši sagte: Auch wenn er nicht längere Zeit gelegen hat, lasse man ihn nicht liegen, denn inbetreff des Toten haben die Weisen den zweiten Festtag dem Alltage gleichgestellt, sogar hinsichtlich des Zuschneidens eines [Toten]gewandes und des Abschneidens einer Myrte (die auf die Bahre gelegt wurde).

Raschi kommentiert die Stelle:

אסא – הדס היו מניחין על מטת מת לכבודו
Myrte – Die Myrte legt man auf die Bahre des Toten um diesen zu ehren.

Zu den Bräuchen beim Verlassen des Friedhofes gehört das Abrupfen von etwas Gras mit den Worten aus Psalm 72,16b:

וְיָצִ֥יצוּ מֵ֝עִ֗יר כְּעֵ֣שֶׂב הָאָֽרֶץ׃
…sie sollen blühen aus der Stadt wie das Gras der Erde.

Das Werfen von Gras oder Erde rückwärts über die Schulter nach dem Besuch des Friedhofes / des Grabsteins hatte ursprünglich sehr wahrscheinlich den Sinn, Dämonen und böse Geister zu vertreiben und zu verhindern, dass diese ins Grab gelangen können, aber auch, dass die Seele nicht aus dem Grab gelangen und die Angehörigen nach Hause verfolgen kann.

Die zitierten Bibelverse erklären allerdings nur das Ausrupfen des Grases, nicht aber die ebenfalls über die Schultern geworfene Erde. Da wäre etwa an Jjob 2,12 zu denken, wenngleich hier die Erde als Zeichen der Trauer nicht nach hinten “geworfen” wird, sondern in die Höhe:

וַֽיִּקְרְעוּ֙ אִ֣ישׁ מְעִל֔וֹ וַיִּזְרְק֥וּ עָפָ֛ר עַל־רָאשֵׁיהֶ֖ם הַשָּׁמָֽיְמָה׃
Jeder zerriss sein Gewand; sie streuten Asche über ihr Haupt gegen den Himmel.

Im Hintergrund ist immer die Erinnerung, dass wir Staub sind und zu Staub werden, siehe Genesis 3,19:

בְּזֵעַ֤ת אַפֶּ֙יךָ֙ תֹּ֣אכַל לֶ֔חֶם עַ֤ד שֽׁוּבְךָ֙ אֶל־הָ֣אֲדָמָ֔ה כִּ֥י מִמֶּ֖נָּה לֻקָּ֑חְתָּ כִּֽי־עָפָ֣ר אַ֔תָּה וְאֶל־עָפָ֖ר תָּשֽׁוּב׃
Im Schweiße deines Angesichts / wirst du dein Brot essen, / bis du zum Erdboden zurückkehrst; / denn von ihm bist du genommen, / Staub bist du / und zum Staub kehrst du zurück.

oder, ebenfalls auch als Hinweis auf die Auferstehung, Psalm 103,14:

זָ֝כ֗וּר כִּי־עָפָ֥ר אֲנָֽחְנוּ׃
Er ist eingedenk, dass wir Staub sind.

Manche halten es für möglich, dass der Brauch, Steine auf die Grabsteine zu legen, eine Fortsetzung und Variation dieser erwähnten Bräuche darstellt. Wurde seit dem 11. Jahrhundert Gras ausgerupft und Erde nach der Begräbnisfeier rückwärts über die Schulter geworfen, finden wir den ersten Beleg für die Steine im beginnenden 15. Jahrhundert bei Rabbenu Schalom aus Neustadt (= Schalom bar Izchak Sekel, Rabbiner in Wien und Wiener Neustadt, ca. 1340 – 1415):

Sie pflücken Gras aus einem Grab oder sie nehmen einen Kieselstein und legen ihn auf das Grab, ohne ihn zu werfen.

Siehe v.a. Golinkion David, Why is it customary to place a stone on a grave?

In seinen “Draschot Maharash” (Predigten des Meisters und Gelehrten Schalom) schreibt Rabbi Schalom auch, dass sowohl das Ausrupfen von Grab als auch das Legen von Steinen auf das Grab wegen der “Kavod Hamet” erfolgt, der “Ehrung der Toten”, um diesen zu zeigen, dass wir ihr Grab besucht haben. Also jene Erklärung, die heute von der Mehrheit der den Brauch Praktizierenden als Grund angegeben wird.

Es gibt allerdings auch eine Reihe von anderen Erklärungen für den Brauch, kleine Steine auf die Grabsteine zu legen, die mehr sind als Trivialerklärungen, weil ihnen historische oder kulturhistorische Fakten zugrunde liegen oder die auf biblischen und/oder rabbinischen Stellen fußen:

Im babylonischen Talmud, Traktat Sanhedrin 47b (ähnlich auch Ketubbot 4b) lesen wir:

רב אשי אמר אבילות מאימתי קא מתחלת מסתימת הגול…
R. Aši erklärte: Die Trauer beginnt mit dem Schließen des Rollsteines…

In den Tosafot zur Stelle interpretiert Rabbenu Tam, der Schwiegersohn von Raschi, diesen “Rollstein”, hebräisch גולל “Golel” als eine große Steinplatte, die als Markierung auf das Grab gelegt wird (mit Referenz auf Rachels Grab in Genesis 35,20):

וַיַּצֵּ֧ב יַעֲקֹ֛ב מַצֵּבָ֖ה עַל־קְבֻרָתָ֑הּ הִ֛וא מַצֶּ֥בֶת קְבֻֽרַת־רָחֵ֖ל עַד־הַיּֽוֹם׃
Jakob stellte einen Denkstein auf ihr Grab; dort ist noch heute das Grabdenkmal Rahels.

Außerdem, so Rabbenu Tam weiter, gibt es noch kleinere Steine, auf denen der große Rollstein ruht, damit dieser nicht zu schwer auf dem/der Verstorbenen drückt. Diese kleineren Steine werden דופק “Dofek” genannt.

Für den “Dofek” durften nur leblose Dinge verwendet werden, daher lagen Steine nahe. Mehr über Golel und Dofek sowie die Bestattung im antiken Israel im Blog des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg: “ Warum legt man kleine Steine auf jüdische Grabsteine?

Und schließlich noch eine nette Geschichte rund um den Brauch, kleine Steine auf die Grabsteine zu legen:

Rabbi Simkha Y. Weintraub, Direktor des New York Jewish Healing Center und des National Center for Jewish Healing at the Jewish Board of Family and Children’s Services in New York City, erklärt:

Das hebräische Wort צרר “ZRR” meint “Kieselstein” oder als Verb “binden”. So heißt es im Gebet für die Seelen der Verstorbenen אֵל מָלֵא רַחֲמִים “El Male Rachamim”:

וְיִצְרֹר [וּצְרֹר] בִּצְרוֹר הַחַיִּים אֶת נִשְׁמָתוֹ
und schließe ein ihre Seelen in den Bund des ewigen Lebens

Vor allem aber finden wir die Bedeutung “binden” in der praktisch am Schluss jeder (hebräischen) Grabinschrift befindlichen, meist abgekürzten und an 1 Samuel 25,29 angelehnten “Schlusseulogie”:

תנצבה oder ausgeschrieben תהי נפשו\נפשה צרורה בצרור החיים
Seine/Ihre Seele möge eingebunden sein im Bund/Bündel des (ewigen) Lebens.

Aramäisch צְרָרָא (hebräisch צְרוֹר) mit der Bedeutung “Kieselstein” finden wir im Jerusalemer Talmud, u.a. im Traktat Rosch Haschana 2,4:

רִבִּי אָבוּן מַשְׁדֵּי עֲלוֹי צְרָרִין וַאֲמַר לָהּ
Rebbi Abun warf Kieselsteine ​​darauf und sagte ihm…

Rabbi Weintraub schließt daraus, dass wir, wenn wir einen Stein auf das Grab oder den Grabstein legen, damit ausdrücken, dass wir hier waren und das Gedächtnis an die oder den Verstorbenen in und durch uns weiterlebt. Damit ist Rabbi Weintraub mit seiner mehr semantischen Erklärung sehr nahe an der Erklärung des Rabbi Schalom aus Neustadt (s.o.).

Siehe jewish-funeral-home.com/why-do-jews-place-stones-or-pebbles-on-a-grave

 

Literatur:

Rabbi Isaac Klein, A Time to Be Born, A Time to Die, United Synagogue Youth, New York 1976, 36f = הרב יצחק קליין ודוד גולינקין, עת ללדת ועת למות, ירושלים, תשנ”ב, עמ’ 36 = Rabbi Isaac Klein, A Guide to Jewish Religious Practice, The Jewish Theological Seminary, New York 1979, 281ff

Golinkion David, Why is it customary to place a stone on a grave? Dort auch ausführliche Quellen- und Literaturangaben.

 

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