Dem Ouroboros auf der Spur

Dem Ouroboros auf der Spur

Die Ewigkeitsschlange auf den jüdischen Friedhöfen von Kobersdorf & Lackenbach

Den Anlass zu diesem Artikel gaben Grabsteine der jüdischen Friedhöfe in Kobersdorf und Lackenbach im Burgenland, auf welchen die Ewigkeitsschlange, der Ouroboros, abgebildet ist.

 

0. Allgemeine Begriffserklärung

Der Ouroboros (griech. Οὐροβόρος), auch ‚Selbstverzehrer‘ oder ‚Schwanzverzehrer‘ genannt, ist ein altes Bildsymbol, welches eine Schlange darstellt, die sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit ihrem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. In ihrem Rund versinnbildlicht sie den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Als eine solche ‚Ewigkeitsschlange‘ verweist sie ebenso auf die Unsterblichkeit.
Das Symbol ist bereits in der Ikonografie des alten Ägyptens belegt, doch auch in anderen Kulturen trat die sich windende Schlange auf. Spätestens ab dem späten 18. Jahrhundert ist sie auf jüdischen, aber auch auf christlichen Grabsteinen zu finden.[1]

In diesem Kontext ist zu eruieren, wie sich das Symbol entwickelt hat, in welchen Kulturen es hauptsächlich gegenwärtig ist, warum die Schlange mit der Ewigkeit bzw. dem Leben schlechthin verknüpft wird und wie es dazu kam, dass sie auf den Grabsteinen im Burgenland anzutreffen ist.

 

1. Nordische Mythologie

Midgardschlange

 

Die wohl bekannteste bzw. naheliegendste Assoziation des Ouroboros, mit der hier aufgrund ihrer Prominenz begonnen werden soll, ist jene mit der Midgardschlange (= Jörmungandr), der sog. Weltenschlange, welche in der nordischen Mythologie als Seeschlange die Welt der Menschen (= Midgard) umspannt. Wie der Ouroboros beißt sie sich selbst in den Schwanz und bildet dadurch einen geschlossenen Kreis. Sollte sie jedoch jemals ihren Schwanz loslassen, so beginne der Weltenbrand, Ragnarök, das Ende aller neun Welten, in deren Zentrum der Weltenbaum (= Yggdrasil) steht.[2]
Wenn die Schlange ihren Platz um Midgard schlussendlich verlässt, um den Himmel zu vergiften, wird sie von Thor mit seinem Hammer erschlagen, doch auch dieser stirbt nach neun Schritten an ihrem Gift, wodurch der Weltenbrand voranschreitet.


 

Yggdrasil

 

Die Weltenesche Yggdrasil ist nach der Erschaffung aller existierenden Dinge der erste, größte und prächtigste Baum, der heranwächst.[4] Er breitet sich über alle neun Welten aus, sodass seine Äste und Wurzeln von Asgard bis nach Helheim reichen. Der Baum fungiert somit als Weltenachse (axis mundi). Gleichzeitig ist er Sinnbild für Leben und Wiedererneuerung, jedoch auch aufgrund seiner immergrünen Blätter ein Symbol für Unsterblichkeit.
Im Geäst der Weltenesche wohnt ein namenloser Adler, während an einer der drei Wurzeln des Baumes, welche nach Niflheim führt, der schlangenartige Drache Nidhöggr nagt. Zwischen Baumkrone und Wurzeln, also sozusagen am Stamm, lebt das Eichhörnchen Ratatöskr, welches Gehässigkeiten zwischen den beiden genannten mythischen Tieren übermittelt. Weitere Tiere im Umkreis des Baumes sind vier Hirsche, die die Jungtriebe der Esche abfressen, sowie zwei Schlangen, Goin und Moin, die wie Nidhöggr an den Wurzeln nagen.

 

Nidhöggr, Goin & Moin

 

Der Drache Nidhöggr, wie auch die Schlangen Goin und Moin, wohnen gemeinsam mit unzähligen anderen Schlangen in der Quelle Hvergelmir von Niflheim. Diese Quelle ist es, welche alle Flüsse der Welt mit Wasser speist.
Nidhöggr (= ‚der hasserfüllt Schlagende‘) soll bei Ragnarök die Toten, besser gesagt die Mörder, Eid- und Ehebrecher, in der Quelle quälen und möglicherweise sogar ihr Blut trinken.[5] Nach dem Ende von Ragnarök bettet er die Toten jedoch in seine Flügel und fliegt mit ihnen vom Unterweltgebirge Nidafjöll im Sinkflug los, doch wohin er diese bringt, ist nicht überliefert. In seiner Funktion als ‚Totendrache‘ erinnert er stark an den großen Drachen, der in der Apokalypse des Johannes von Erzengel Michael bezwungen wird (Offb 12,7-9) und in der apokalyptischen Visionsdichtung des Mittelalters häufig auftritt.

 

2. Sumerische Mythologie

Gilgamesch, Enkidu & die Unterwelt (Version A, Z. 70-150)

 

Wie Yggdrasil, die Weltenesche, in der nordischen Mythologie eine zentrale Rolle spielt, so ist bereits wesentlich früher auch in der sumerischen Mythologie ein besonderer Baum, nämlich der ḫalub-Baum[6], bekannt. Dieser wuchs anfangs am Ufer des Euphrats, wurde jedoch vom Südwind entwurzelt und vom Fluss fortgespült. Am Ufer liegend fand ihn Inana, die Göttin der Liebe und des Krieges, und trug ihn in ihren Garten, wo sie ihn in der Hoffnung einpflanzte, einst ein Bett und einen Thron aus seinem Holz fertigen zu können. Doch als sie den Baum fällen wollte, musste sie feststellen, dass sich eine Schlange, welche immun gegen Beschwörungen war, an seinen Wurzeln eingenistet hatte, sowie, dass in seiner Baumkrone der Anzu-Vogel nistete und in seinem Stamm eine geisterhafte junge Frau wohnte, die mit fröhlichem Herzen lachte. Niemand wollte Inana bei der Vertreibung der Baumbewohner helfen, außer Gilgamesch, der sagenumwobene König von Uruk. Er tötete die Schlange, vertrieb den Vogel mit seinen Jungen und auch die junge Frau floh in die Wildnis. So erhielt Inana aus den Ästen des ḫalub-Baumes doch noch ihr Bett und ihren Thron.

 

Gilgamesch Epos (Tafel 11)

 

In dem Gilgamesch Epos, welches von dem bereits erwähnten König Gilgamesch und dessen Heldentaten handelt, wird unter anderem auch die Frage beantwortet, warum die Schlange mit der Unsterblichkeit bzw. der ewigen Erneuerung in Verbindung gebracht wird. Als Gilgamesch nämlich auf der Suche nach dem Kraut des Lebens in die Unterwelt reiste und es aus den Tiefen des Apsu, des süßwasserführenden Unterweltflusses, barg, machte er auf seiner Rückreise nach Uruk an einem Brunnen rast. In diesen Brunnen stieg er hinab, um sich abzukühlen und zu waschen, das Kraut des Lebens ließ er jedoch unbeaufsichtigt liegen. Da kam eine Schlange, welche den Duft des Krautes wahrgenommen hatte und fraß es. Seit diesem Tag, so heißt es, wirft die Schlange ihre Haut ab, um sich immerwährend zu erneuern.[7]

 

Tiamat

 

Weil nun bereits Apsu, der Unterweltsfluss, erwähnt wurde, sei an dieser Stelle ergänzt, dass es sich bei ‚Apsu‘ nicht nur um den Namen des Flusses, sondern auch des dazugehörigen Süßwassergottes handelt, der mit Tiamat, der babylonischen Göttin, welche das Salzwasser verkörpert, verheiratet ist. Während Apsu als ‚der Uranfängliche‘ gilt, wird Tiamat oft als Seeungeheuer, eine Art gehörnte Schlange, dargestellt. Im Enuma Elisch (4. Tafel), dem babylonischen Schöpfungsmythos, sind es Tiamat und Apsu, welche alle anderen Götter zeugen. Die jüngeren Götter stören jedoch das Paar durch ihr Lärmen und ihr Treiben, weshalb ihr Vater Apsu sie zu töten beabsichtigt. Er wird jedoch zuvor von einem seiner Söhne, nämlich dem Gott der Weisheit, Ea, getötet. Daraufhin schwört Tiamat Rache und verbündet sich mit einem anderen ihrer Kinder,– ein Familienzwist entbrennt. Die gegnerische Seite Tiamats schickt Marduk, den Sohn des Ea, zu ihr. Dieser besiegt und tötet sie im Zweikampf. Er spaltet sie und bildet aus den beiden Hälften ihres Körpers Himmel und Erde. Somit ist es wie in der nordischen Mythologie ein Wasserungeheuer bzw. eine Schlange, welche das Erdenrund, die Welt der Menschen, umgibt.

 

Siegreicher Marduk, der auf der besiegten Tiamat in Form einer gehörnten Schlange reitet
Siegreicher Marduk, der auf der besiegten Tiamat in Form einer gehörnten Schlange reitet [8]

 

3. Ägyptische Mythologie

Nut

 

Eine ägyptische Gottheit, der eine ähnliche Funktion wie schließlich Tiamat zukommt, ist Nut. Sie ist in der ägyptischen Mythologie die Göttin des Himmels, deren Körper das Himmelsgewölbe bildet und die Erde von der sie umgebenden Urflut trennt. Eine ihrer häufigsten Darstellungen zeigt sie von der Seite wie sie sich mit gewölbtem Körper über den Erdgott Geb (= rote Erde), ihren Brudergemahl, wölbt und mit ihren ausgestreckten Armen und Beinen den Horizont berührt (= 4 Himmelsrichtungen), wobei sie manchmal von dem Luftgott Schu, ihrem Vater, gestützt wird.

 

Himmelsgöttin Nut, die von ihrem Vater Schu gestützt wird
Himmelsgöttin Nut, die von ihrem Vater Schu gestützt wird [9]

Weiters wurde sie als Mutter der Gestirne betrachtet. Sie ist nämlich die Mutter des Sonnengottes Re, den sie am Abend mit ihrem Mund verschlingt und der nachts durch ihren Körper reist, um am Morgen aus ihrem Schoß im Osten wiedergeboren zu werden. Im ewigen Kreislauf durchwandern so auch die Sterne im Laufe des Tages ihren Körper. Diese Metaphorik ist es, welche dem Epitheton Nuts als ‚Sau, die ihre Ferkel frisst‘ zugrunde liegt. Durch die mit dieser Vorstellung verbundene Auferstehungssymbolik spielte Nut auch eine nicht unwesentliche Rolle im Totenglauben. So wurden Sarkophag und Grabkammer mit Sternen oder einem Bild der Himmelsgöttin geschmückt. Beispielsweise wurde sie an der Innenseite des Sarkophags, genauer an der Unterseite des Deckels, von vorne beim Verschlucken oder Gebären der Sonne abgebildet. Es wurde eine Art Vereinigung mit dem Toten vorgestellt, denn der Sarkophag sollte Nuts Körper sein, der den Verstorbenen aufnimmt, um ihn dann wieder zu gebären. Auch die Kinder Nuts, Osiris, Isis, Nephthys und Seth, welche sie mit ihrem Gemahl Geb zeugte, waren eng mit dem Totenkult verknüpft.
Eine weitere Möglichkeit Nut abzubilden war durch die ‚Himmelskuh‘ gegeben, deren vier Hufe die Himmelsrichtungen symbolisieren. Aufgrund dieser Darstellungsform wurde sie jedoch in späterer Zeit öfter mit der Göttin Hathor verschmolzen, so übernahm Nut teilweise die Rolle von Hathor als Herrin der Sykomore, des Baumes, der den Verstorbenen zu essen und zu trinken gibt, während Hathor unter anderem als Himmelsgöttin dargestellt wurde.

 

Symbol Ouroboros

 

Die älteste bekannte symbolische Abbildung des Ouroboros wurde auf einem der Grabschreine, die den Sarkophag von Tutanchamun umgaben, gefunden. Dabei könnte es sich um Darstellungen des Jenseitsgottes Mehen (= ‚der Einrollende, Umwickelnde‘) handeln, der in seiner Schlangenform den Toten während seiner Reise in die Unterwelt beschützt, so wie er auch täglich den Sonnengott Re auf dessen Reise über den Himmel und durch die Unterwelt hindurch vor Unheil bewahrt.
Später ist der Ouroboros mehrfach in den Zauberpapyri des hellenistischen Ägypten, den Papyri Graecae Magicae, zu sehen, welche sich durch ihren magisch-religiösen Synkretismus ausweisen, da sie sowohl ägyptische, griechische, hebräische, semitische als auch christliche Einschläge in sich vereinen.

 

Jenseitsgott Mehen, der als Schlange den Schrein von Re, dem Sonnengott, umgibt
Jenseitsgott Mehen, der als Schlange den Schrein von Re, dem Sonnengott, umgibt [11]

In der (mittelalterlichen) alchemistischen Symbolik wiederrum steht der Ouroboros für einen in sich geschlossenen und wiederholt ablaufenden Wandlungsprozesses der Materie. Dieser Prozess, der sich aus dem Erhitzen, Verdampfen, Abkühlen und Kondensieren einer Flüssigkeit zusammensetzt, soll zur Verfeinerung von Substanzen dienen. Dabei wird der zum Kreis geschlossene Ouroboros des Öfteren durch zwei Wesen ersetzt, die Maul und Schwanzende verbinden, wobei eines davon als Zeichen der Flüchtigkeit (Volatilität) durch einen geflügelten Drachen dargestellt wird.

 

Ouroboros als Doppelwesen aus Drache und Vogel
Ouroboros als Doppelwesen aus Drache und Vogel, (Credit: Zentralbibliothek Zürich) [13]

Des Weiteren ist im alchemistischen Kontext das sog. ‚Weltenei‘ zu erwähnen. Es kommt in vielen Schöpfungsmythen unterschiedlicher Kulturen als eine Art Ursprung aller Dinge vor, denn aus dem Weltenei schlüpft entweder das gesamte Universum oder ein Urwesen. In den diversen Mythologien steht es für den absoluten Urzustand des Universums, den Anbeginn allen Seins. Einer ägyptischen Schöpfungslegende folgend soll die Welt aus einem Gänseei als der Allgott Amun, ‚der große Gackerer‘, hervorgegangen sein. Die Griechen wiederrum verbanden das Weltenei mit dem Dionysoskult. Denn wie Amun soll Dionysus aus dem Ei geschlüpft und wie dieser als Erschaffer aller Dinge männlich und weiblich zugleich sein.
Das Ei wird oft mit einer es umgebenden Schlange dargestellt (= orphisches Ei), doch auch andere Abbildungen existieren. So wurde es in der Alchemie bzw. der Hermetik[14] anders, nämlich umgekehrt dargestellt, sodass der Ouroboros als Urwesen in dem Weltenei liegt (= hermetisches Ei), aus dem drei Blumen mit gemeinsamer Wurzel entspringen: die rote Blume des Goldes, die weiße Blume des Silbers und die blaue Blume der Weisheit.

 

 

4. Indische Mythologie

Ananta & Shesha

 

Das Symbol des Ouroboros ist auch in Indien bekannt. So wird gemäß der hinduistischen Mythologie die Welt von vier Elefanten getragen, die auf einer großen Schildkröte stehen, wobei sie allesamt von einer riesigen Schlange, die sich in den Schwanz beißt, umgeben werden.

 

Aufbau der Welt in der indischen Mythologie
Aufbau der Welt in der indischen Mythologie (Credit: Alamy) [16]

Diese Schlange ist Ananta, das Unbegrenzte in der Unendlichkeit, die sich über alles erstreckt und deren Größe und Ausmaß jenseits alles Messbaren liegt. Sie behütet die Götter in ihrem Schlaf zwischen zwei Inkarnationen. So schläft Vishnu, einer der wichtigsten Götter im Hinduismus, auf dieser Weltenschlange und erwacht nur, wenn diese sich bewegen sollte, was mit der Vernichtung aller bisherigen Dinge und einem neuen Erschaffungszyklus verbunden wäre. Denn es heißt, dass wenn sich die Schlange entrollt, die Zeit voranschreitet und Schöpfung vonstatten geht, rollt sie sich dann jedoch wieder zusammen, so hört das Universum auf zu existieren.
In der Ausformung von Ananta ist Shesha, ‒ eigentlich eine schlangenartige Halbgottheit und König aller Schlangen, ‒ ein Urwesen der Schöpfung, weshalb es auch Ananta-Shesha (= unendliche Schlange) genannt wird. In seiner ‚gewöhnlichen‘ Form ist Shesha jedoch nicht minder beeindruckend, denn als mehrköpfige Schlange soll er alle Planeten auf seinen Köpfen tragen und mit all seinen Mäulern Glorien auf Vishnu singen, der auf ihm ruht. Der Name Shesha bedeutet ‚Der, der übrigbleibt‘, was darauf anspielt, dass am Weltenende, am Ende dieser Weltenperiode, es Shesha in seiner Form von Ananta sein wird, der unverändert Bestand hat.

 

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Schlafender Vishnu auf Weltenschlange [17]

 

Konzept von Samsara & Karma

 

Zu dem hinduistischen Ouroboros ist wohl noch seine enge Verbindung zu dem Konzept von Samsara, dem Kreislauf des Lebens, zu nennen, der von der Geburt über die Reinkarnation und Wiedergeburt bis hin zum Tod reicht.
Genauso wie das Konzept des Karmas mit der sich selbst beißenden Schlange in Relation gesetzt werden kann, da jede Handlung eine Wirkung hat, sei diese nun positiv oder negativ, welche stets auf den Handelnden mit entsprechender Härte zurückfällt.

 

5. Rabbinische Texte

bBava Qama 171a-b

 

In der rabbinischen Literatur findet sich die Schlange gleichfalls recht häufig. Wird jedoch genauer hingesehen und nur nach Stellen gesucht, an welchen sie tatsächlich für sich selbst steht, also nicht Teil einer metaphorischen Bildsymbolik ist, so fällt eine Stelle im Traktat Bava Qama des babylonischen Talmuds besonders auf, nämlich bBava Qama 171a-b.
Dort wird von Rav Kahana berichtet, der in Babylonien einen Kollegen tötet und deshalb nach Israel flieht. In Israel misst er sich mit Rabbi Jochanan in Gelehrsamkeit sowie Schläue und gewinnt. Als dieser jedoch sehen möchte, wer ihn, den alten Rabbi, besiegt hat, und man ihm dazu die herabhängenden Augenbrauen hebt, sieht er Rav Kahana, der gespreizte Lippen hat und dadurch immer aussieht, als würde er lächeln. Über das angebliche Lachen Kahanas ist Jochanan gekränkt, was wiederrum Kahana so sehr betroffen macht, dass er stirbt.

Darauf ging er [= Rabbi Jochanan] zu seiner [= Rav Kahanas] Gruft hin und sah sie von einer Schlange umschlungen. Da sprach er: Schlange, Schlange, öffne deinen Mund, damit der Lehrer zu seinem Schüler hineingehen könne. Sie öffnete ihn aber nicht. ‒ Damit der Kollege zu seinem Kollegen hineingehen könne. Sie öffnete ihn aber nicht. ‒ Damit der Schüler zu seinem Lehrer hineingehen könne. Da öffnete sie ihn. Alsdann flehte er um Erbarmen und ließ ihn auferstehen.

Diese Erzählung ist nicht allzu ernst zu nehmen, eher mit einem Augenzwinkern zu lesen, u.a. weil sich aufgrund verschiedener Missverständnisse der rechtschaffende Rabbi schlussendlich moralisch dazu verpflichtet sieht, den Mörder Rav Kahana wiederzuerwecken. Was jedoch auffällt, ist, dass auch in dieser Geschichte die zum Kreis gewundene Schlange den Schlaf eines Toten bis zu dessen Auferstehung bewacht, wobei hierbei hinzukommt, dass die Schlange scheinbar auf die Absichten und v.a. die richtigen Worte ihres Gegenübers genauestens achtet, bevor sie den Durchgang in die Gruft, den Bereich des Todes, gewährt.

 

bBava Batra 74b-75a

 

An einer weiteren Stelle im babylonischen Talmud, nämlich bBava Batra 74b, kommt die gewundene Schlange vor. Dieses Mal ist sie nicht um eine Gruft, sondern um einen wertvollen Stein am Meeresgrund geschlungen.

Rav Jehuda aus Indien erzählt: Einmal reisten wir mit einem Schiff und sahen einen bestimmten Edelstein, der von einer Schlange umschlossen war. Ein Taucher stieg hinab, um ihn heraufzuholen, und die Schlange kam und versuchte, das Schiff zu verschlingen. Ein Rabe kam und schlug ihr den Kopf ab, und das Wasser färbte sich mit Blut, weil die Schlange so groß war. Eine andere Schlange kam, nahm den Edelstein und hängte ihn der toten Schlange um, und sie erholte sich. Sie kehrte zurück und versuchte erneut, das Schiff zu verschlingen, und wieder kam ein Vogel, schlug ihr den Kopf ab, nahm den Edelstein und warf ihn auf das Schiff. Wir hatten diese gesalzenen Vögel bei uns; wir legten den Stein auf sie, und sie [= Vögel] nahmen den Stein und flogen mit ihm davon.

An diese Geschichte werden assoziativ die großen Meeresungeheuer, wie sie in der Bibel vorkommen, angeschlossen. So wird auch der Leviathan erwähnt, ein riesiges kosmisches Seeungeheuer, das am Ende der Welt von Gott besiegt werden wird. Einige Eigenschaften bzw. Eigenarten des Leviathans werden im Text selbst angesprochen, diese seien hier angeführt:

  1. Der Leviathan hat hell leuchtende große Augen.
  2. Der Leviathan wird als männlich und weiblich erschaffen. Er existiert als (männliche) speerförmige Schlange und als (weibliche) sich windende Schlange. Wenn sie sich paaren und Nachkommen zeugten, würden diese die gesamte Welt zerstören. Deshalb kastrierte Gott den männlichen Leviathan und tötete den weiblichen und salzte ihn, um ihn für das Bankett der Gerechten in der Zukunft aufzubewahren.
  3. Warum geschah es nicht andersherum? Weil der weibliche gesalzene Leviathan besser schmecken wird bzw. weil Gott mit dem männlichen Leviathan täglich Sport betreibt, mit ihm spielt, was sich für das Weibchen nicht gehören würde.
  4. Der Fluss Jordan entspringt in der Höhle von Banjas und fließt in den See von Sivkhi, d.h. den Hula-See, und in den See von Tiberias, den See von Galiläa, und fließt hinunter zum Großen Meer und fließt weiter hinunter, bis er den Mund des Leviathans erreicht.
  5. In der Zukunft wird der Engel Gabriel den Leviathan jagen, doch nur mit Gottes Hilfe wird er diesen auch fangen können.
  6. Wenn der Leviathan hungrig ist, produziert er heiße Atemluft, welche die tiefen Wasser des Meeres kochen lässt. Wenn er seinen Kopf in den Paradiesgarten reckt, kann keine Kreatur seinen fauligen Gestank ertragen. Und wenn der Leviathan durstig ist, zieht er viele Furchen im Meer, hat er dann jedoch aus dem Meer getrunken, dauert es siebzig Jahre, bis die Tiefe des Meeres zu ihrem normalen Zustand zurückfindet.
  7. Am Ende der Zeiten wird, wie gesagt, ein Festmahl aus dem Fleisch des Leviathans für die Gerechten, die Toragelehrten, bereitet, die Reste hingegen werden an die Händler verteilt werden. Gott wird für die Gerechten aus der Haut des Leviathans eine Laubhütte (= Sukka) fertigen. Wenn jemand dieser Würde jedoch nicht wert ist, so erhält er zumindest eine Kopfbedeckung, eine Halskette, oder ein Amulett.[18] Der Rest, der wiederrum davon übrigbleibt, wird an der Wand von Jerusalem ausgebreitet, wobei die Herrlichkeit der Haut von einem Ende der Erde bis zum anderen strahlt.

Natürlich gibt es neben den genannten Traktaten auch weitere Textstellen, die von der Schlange oder dem Leviathan handeln, diese können jederzeit ganz einfach auf Sefaria mittels der Suchfunktion gefunden und nachgelesen werden.

 

6. Kabbala & Gnosis

Diagramm der Ophiten

 

Der Ouroboros hat bestimmte Züge, die ihn in gewisser Weise dem biblischen Leviathan ähneln lassen, auch wenn es sich vorrangig um dessen gewundene Erscheinungsform handelt. Die Gemeinsamkeiten scheinen jedoch insgesamt groß genug zu sein, sodass er Eingang in die Kabbala, die jüdische Mystik, und in die Gnosis fand.
So stellten beispielsweise die Ophiten, Anhänger der Gnosis, welche an die göttliche Natur der Schlange im Paradies glaubten, in einem kosmologischen Diagramm den Leviathan um die Welt und deren Planten gewunden dar.

 

Kosmologisches Diagramm der Ophiten
Kosmologisches Diagramm der Ophiten [19]

In der Mitte liegt die Erde mit dem Tartaros, der Unterwelt, welche beide von der Behemoth-Sphäre, die nach dem Landungeheuer Behemoth benannt ist, umgeben sind. Auf diese folgen die Sphären der sieben Planeten (Mond, Venus, Merkur, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn), welche wiederum von dem Leviathan, der sich in den Schwanz beißenden Schlange, umschlungen sind. Darauf folgt das Paradies mit dem Baum des Lebens und dem der Erkenntnis. Das Paradies ist durch das Flammenschwert von den Fixsternen in dieser Sphäre getrennt. Danach schließt der Blaue Kreis der Finsternis und der Gelbe Kreis des Lichts an, in deren Mitte die Sophia (= Weisheit) eingebettet ist. Darüber befindet sich das Reich Gottes, bestehend aus der Sphäre des Sohnes und des Vaters, die beide durch Liebe verbunden sind.

 

Paradiesschlange

 

Bei Josef Gikatilla (1248 – ca. 1325), einem berühmten spanischen Kabbalisten, Philosophen und Mystiker, wird die Schlange in seinem Werk ‚Scha‘are ‘Ora‘ als wichtig für Ordnung und Harmonie geschildert.

Sie war ein großer Diener, der erschaffen war, um das Joch der Herrschaft und des Dienstes zu tragen. Ihr Haupt überragte die Höhen der Erde, und ihr Schwanz reichte in die Tiefe der Hölle. Denn in allen Welten hatte sie einen angemessenen Ort und bildete etwas ungemein Wichtiges für die Harmonie aller Stufen, einer jeden an ihrem Ort. Und das ist das Geheimnis der Himmelsschlange, die aus dem Buch Jezira bekannt ist, die alle Sphären in Bewegung setzt und ihren Umlauf von Osten nach Westen und von Norden nach Süden bewirkt. Und ohne sie hätte keine Kreatur in der ganzen sublunarischen Welt Leben, und es gäbe keine Aussaat und kein Wachstum und keine Anregung zur Fortpflanzung aller Kreaturen.
Diese Schlange nun stand ursprünglich außerhalb der Mauern der heiligen Bezirke und war von außen her mit der Außenmauer verbunden, denn ihr Hinterleib hing mit der Mauer zusammen, während ihr Antlitz sich nach außen richtete. Es stand ihr nicht an, nach innen zu treten, sondern ihr Ort und Gesetz war, das Werk des Wachstums und der Fortpflanzung von außen her zu wirken, und das ist das Geheimnis des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse.[20]

Wohl wissend, dass es sich um die Paradiesschlange handelt, scheint sie doch große Ähnlichkeit mit der Midgardschlange zu haben, welche den Weltenbaum und die Welt der Menschen umgibt.

 

Schlange im Sohar

 

Im Sohar (= ‚strahlender Glanz‘), dem bedeutendsten Schriftwerk der Kabbala, wird gemäß der Annahme eines Dualismus in der Welt die dunkle und böse, die andere Seite (= Sitra ‘achra), gelegentlich als große Schlange dargestellt, die sich in den Schwanz beißt.

Gravierte Gravuren im Aussehen einer langen Schlange, die sich nach zwei Seiten ausbreitet, ihren Schwanz in ihrem Maul, der Kopf wird von den Schultern gehalten, und wütet und grimmt.[21]

Weiters werden Samael und Lilit, welche als die personifizierte ‚andere Seite‘ gelten, als Drachen beschrieben,‒ Samael als der männliche und Lilit als der weibliche Drache. Der männliche Drache soll die sieben Ströme des Nils beherrschen, in denen sich viele Schlangen tummeln, und alle siebzig Jahre, wenn er seinen Schwanz bewegt, lässt dies die ganze Welt erzittern. Ein Umstand, der wiederum an die rabbinischen Erzählungen und Ananta aus der indischen Mythologie erinnert.

Im Sohar heißt es bezüglich des Drachens/der Schlange auch:

Unten gibt es einen großen Drachen (Schlange) auf der linken Seite, der in all jenen Flüssen [die von der heiligen Emanation der Schechina ausgehen] schwimmt. Und er kommt mit der Kraft seiner Flossen, die hart sind wie Eisen, er kommt heran und schöpft und verunreinigt den Ort [die Schechina]. Dann verdunkeln sich all jene Lichter [die sieben unteren Sefirot der heiligen Seite] vor ihm. Sein Maul und seine Zunge schleudern Feuerslohen hervor, seine Zunge ist scharf wie ein mächtiges Schwert, bis es ihm gelingt in das Heiligtum innerhalb des Meeres [beides Ausdrücke für die Schechina] einzudringen. Dann verunreinigt er das Heiligtum und die Lichter werden dunkel und sie ziehen sich vom Meer (X) zurück. […] Diese Schlange ist der Tod der Welt, sie dringt in das innerste Verborgene des Menschen von der linken Seite.[22]

In dieser Passage finden sich einige auffällige Parallelen zu der nordischen Mythologie. So wird die Urquelle unter dem Baum des Lebens gleichfalls durch einen Drachen, Nidhöggr, verunreinigt. Der Weltenbrand wird durch das Verschlingen der Lichter, Sonne und Mond, begleitet bzw. ausgelöst. Gleichfalls ist es Nidhöggr, der als Totendrache bekannt ist, wie auch die Midgardschlange, welche durch ihr Ablassen von ihrem Schwanz den Tod der Welt bedeutet, wie dies in ähnlicher Weise bei Ananta der Fall ist.

 

Leviathan von Saul Ascher

 

In dem Werk ‚Leviathan oder über Religion in Rücksicht des Judentums‘ (1792) von Saul Ascher, einem in Berlin wirkenden Übersetzer und Schriftsteller der Aufklärung, beschreibt er Religion als ein verschiedenen Menschen entsprechendes, auf deren individuellen Offenbarungserfahrungen ruhendes Glaubensgut, das jeweils den unterschiedlichen Bedürfnissen und dem Bildungsgrad seiner Träger angepasst ist. Wie die menschliche Vernunft, so sei der menschliche Glaube und damit Religion universal, auch wenn sie durch partikuläre Ausprägungen den menschlichen Bedürfnissen entspricht.[23]
Wird dieser Ansatz mit dem von Carl Gustav Jung eines kollektiven Bewusstseins und der Archetypen verglichen, so ergibt sich zwangsläufig, dass beide von einem universalen Verständnis von Religion ausgingen, was meint, dass sich die eine Kultur lediglich in ihrer religiösen Darstellungsform und ihren Termini von einer anderen unterscheidet, jedoch das abgebildete und hervorgebrachte durchaus selben oder ähnlichen Inhalts sein kann, wie dies bei den bisher vorgestellten Mythologien der Fall war.

 

7. Synagogen & Friedhöfe

 

Es stellt sich nun die Frage, wie der Ouroboros auf die jüdischen Grabsteine kam. War es ein Trend in der Sepulkralkultur, war es generell ein Hype um die gewundene Schlange bzw. den Leviathan, der sich sogar in Synagogen zeigte? Bedienten sie sich einfach eines für sie angepassten universalen Symbols oder steckt vielleicht doch mehr dahinter?

 

Leviathan in Synagogen

 

Vom 18. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Leviathan aus Holzsynagogen in Osteuropa nicht wegzudenken. Die Darstellungsform wurde vielleicht aus aschkenasischen Pijjutim, aus liturgischen Liedern, des 13. Jahrhunderts abgeleitet. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde in der jüdischen Kommentartradition der Leviathan aufgegriffen, wobei das wieder aufflammende Interesse mit der Erwartung der messianischen Zeit und dem Festmahl der Gerechten einhergehen könnte.
Diese Abbildungen zeigen zumeist einen schlangenartigen Fisch, der sich zu einem Kreis gerollt in den Schwanz beißt. Ikonographische christliche Parallelen von gewundenen Schlangen und drachenartigen Kreaturen sind beispielsweise auf dem Relief eines romanischen Kapitells der Wormser Kathedrale, welches aus dem 12. Jahrhundert stammt, belegt. Ähnliches ist in der Kirche von St. Mary und St. David in Kilpeck, England, für dasselbe Jahrhundert zu beobachten. Diese Darstellungen könnten als Modell für das jüdische Bild des Leviathans gedient haben.

 

Schlangen- bzw. drachenartige Kreatur auf Relief eines romanischen Kapitells der Kathedrale von Worms, 12. Jh.
Schlangen- bzw. drachenartige Kreatur auf Relief eines romanischen Kapitells der Kathedrale von Worms, 12. Jh. [24]

 

Die frühesten bekannten Abbildungen des Leviathans auf Wänden bzw. dem Deckengewölbe von Holzsynagogen finden sich in Chodoriw in der Ukraine und stammen wie jene aus der Synagoge in Hwisdez aus dem 18. Jahrhundert. Das gleiche Motiv tritt in verschiedenen Synagogen der Ukraine und auch Polens vom 18. bis ins 19. Jahrhundert auf. Insgesamt gibt es jedoch auch Darstellungen, welche den Leviathan nicht gewunden, sondern einzeln oder als Komponente einer komplexeren Bildkomposition zeigen. Hier jedoch ein paar Beispiele zu dem eingerollten Leviathan:

 


Neben Synagogenwänden schmückt der Leviathan im 18. und 19. Jahrhundert auch Grabsteine, Toraschreine, sowie die Titelseiten bestimmter Manuskripte. Seine Bedeutung variiert jedoch, so kann er einmal eine Erinnerung an das messianische Zeitalter sein, ein andermal als heraldisches Symbol der Gruppenbestätigung von ‚Gerechten‘ fungieren, und wieder ein andermal als Hoffnungsträger für die Auferstehung dienen. Jede Generation scheint ein bisschen etwas anderes mit ihm verbunden bzw. bestimmte Aspekte betont zu haben. Doch was auch immer in ihm gesehen wurde, der Leviathan wurde stets als traditionell jüdisches Symbol betrachtet. Ungeachtet der Tatsache, dass es vermutlich aus der christlichen Bildkunst übernommen und re-judaisiert wurde, so ist es doch kontinuierlich spätestens seit dem 13. Jahrhundert als jüdisches Symbol etabliert.

Leviathan als großer Fisch auf einem Grabstein, Kuti, Ukraine, 1837
Leviathan als großer Fisch auf einem Grabstein, Kuti, Ukraine, 1837 [30]
 

 

Friedhöfe & Grabsteine

 

Der jüdische Friedhof wird euphemistisch auch gerne ‚Haus des Lebens‘ (bet ha-chajjim) oder ‚Haus der Ewigkeit‘ (bet olim) genannt. Ein Umstand, der dazu führt, dass das Symbol der Ewigkeitsschlange, des Ouroboros, geradezu auf einem solchen Friedhof, jedoch auch auf christlichen Pendants, erwartet wird.

 

Christliche Grabsteine mit jeweiliger Kurzdeutung des Ouroboros
 

Historischer Kirchhof in Görlitz

 

Ewiger Kreislauf, Darstellung eines Teils der Raum-Zeit-Dimension, Mythologie um Chronos/Saturn (Saturnia regna, Verzehrer seiner eigenen Kinder)
 

St. Lorenz Friedhof in Lübeck (Friedrich Daniel Behn Grabmal)

 

Ouroboros auf dem Grabmahl des Friedrich Daniel Behn am St. Lorenz Friedhof in Lübeck
Ouroboros auf dem Grabmahl des Friedrich Daniel Behn am St. Lorenz Friedhof in Lübeck [32]
Bei Neuplatonikern galt der Ouroboros als Repräsentant des Kampfes zwischen Gut & Böse, ewiger Kreislauf des Lebens, Erneuerung, Weiterleben nach dem Tod, Auferstehung
 

Zentralfriedhof Wien (Ehrengrab von Beethoven)

 

Ewiges Leben & Wiedergeburt
 
Jüdische Grabsteine mit jeweiliger Kurzdeutung des Ouroboros
 

Friedhof in Ingenheim

 

Ouroboros auf einem Grabstein des jüdischen Friedhofs in Ingenheim
Ouroboros auf einem Grabstein des jüdischen Friedhofs in Ingenheim [34]
Symbol der kosmischen Einheit (ἕν τὸ πᾶν – hen to pan (‚Eins ist alles‘); oder ein messianisches Symbol: Schlange als Chaoswesen Leviathan, das am Ende aller Tage besiegt wird und den Gerechten zur Speise dienen soll
 

Friedhof in Lackenbach[35]

 


 

Friedhof in Kobersdorf[36]

 

Die Blume kommt genauso wie in Ingenheim auch in Kobersdorf auf Grabsteinen vor, nämlich auf jenen von zwei Mädchen, die unverheiratet waren und in noch jungen Jahren verstarben.
Das Symbol der Blume steht zumeist für Reinheit, Unschuld, Ehrlichkeit und Eleganz, wobei im Fall von Kobersdorf die ersten beiden Zuschreibungen am treffendsten sind.

 

Ist die Blume geknickt, kann dies als Symbol für die Vergänglichkeit des Schönen oder schlichtweg ein frühzeitig beendetes Leben gelten, wie dies auch auf die beiden Mädchen zutreffen dürfte. Wenn die Blume wie in Ingenheim sowie in Kobersdorf von dem Ouroboros umgeben ist, liegt die Deutung, dass einerseits die Unschuld und Reinheit von der Schlange bewahrt und andererseits das junge Leben wieder kommen bzw. durch die Einbindung in den Kreis des Lebens (wieder) auferstehen möge, nicht fern.
Weiters ist die Assoziation zur Alchemie, zu der roten Blume, welche aus dem hermetischen Ei erwächst, interessant, da diese für Gold steht und die Kinder Israels stets als Feingold betrachtet werden (vgl. Klgl 4,2; Klagelieder Rabba 4,2-5; bGittin 58a). So könnte die Blume nicht nur für die Unschuld stehen, sondern gleichfalls auch auf den Wert und den damit einhergehenden großen Verlust durch den Tod dieser Kinder hinweisen. Oder, sollte der Sachverhalt ganz banal zu interpretieren sein, so könnte es sich bei der Blume um eine Namenssymbolik handeln.

 

Ebenso interessant ist die auf etlichen Grabsteinen abgebildete Krone, da diese gleich mehrere Bedeutungen haben kann. Denn entweder steht sie für die ‚Krone der Priesterwürde‘, welche auf den Grabsteinen von Angehörigen von Kohanim zu finden ist, oder es handelt sich um die ‚Krone des guten Namens‘. Bei Kronen auf Grabsteinen von Frauen gilt immer ‚die Frau ist die Krone ihres Ehemanns‘ (Spr 12,4).[38] Nun ist es jedoch v.a. in Kobersdorf so, dass oben die Krone und unten die Schlange abgebildet ist. Wird nun vermutet, dass nicht nur der Ouroboros über die Kabbala und Gnosis auf die jüdischen Grabsteine wanderte, so muss auch die Krone in diese Richtung gedeutet werden, wodurch sie zur 1. Erscheinungsform (= Emanation) innerhalb des Göttlichen, zur ersten Sefira von zehn Sefirot wird, wie sie im Sohar beschrieben werden. Keter, die Krone, ist laut dem Sohar ein erhabener Bereich in Gott, der gleichzeitig seinen Willen repräsentiert, was in Anbetracht des Torastudiums und der Ehe, welche bereits mit der Krone assoziiert wurden, Sinn macht. Werden die Symbole des Ouroboros und der Krone nun zusammengelesen, so ergibt sich, dass die Verstorbenen gemäß dem Willen Gottes gelebt haben und bis zu ihrer Auferstehung, ihre Holung in das Königreich Gottes, von der Schlange behütet werden, die durch ihre bloße Darstellung bereits dieses Versprechen gibt bzw. Hoffnung schenkt.

 

Zehn Sefirot mit Krone (Keter) oben und Schlange (Ouroboros) unten
Zehn Sefirot mit Krone (Keter) oben und Schlange (Ouroboros) unten [39]

Zusammenfassend kann nun gesagt werden, dass sich sehr wohl ein roter Faden von den sumerischen und ägyptischen Mythen, über die Alchemie und schließlich die Kabbala und Gnosis, bis hin zu den Abbildungen des Ouroboros auf den Grabsteinen in Kobersdorf und Lackenbach zieht, doch ist fraglich, ob die tatsächliche Entscheidung das Symbol anzubringen ebenfalls einer solch stringenten Denkstruktur folgt.
Denn wie durchgeklungen sein dürfte, kann diese Entscheidung mehrere Gründe gehabt haben, von denen mit Sicherheit heute nicht mehr alle bekannt sind. So könnte es sich um einen Trend handeln, der im 18. und 19. Jahrhundert von den Synagogen und Kirchen auch auf die Friedhöfe abfärbte, sodass dort die gewundene Schlange als Symbol für die Hoffnung auf Ewigkeit, Unsterblichkeit, Auferstehung und Schutz auftrat. Dieser Trend könnte im Judentum durch den Wunsch, den biblischen Leviathan bzw. den Ouroboros wieder dem eigenen traditionellen Bildprogramm einzuordnen, ausgelöst oder zumindest verstärkt worden sein. Es könnte sich in diesem Kontext auch um eine Erinnerung an das messianische Zeitalter handeln, oder vielmehr an das Versprechen, das Gott den Gerechten in Bezug auf das endzeitliche Festmahl gab. Andererseits kann es genauso gut sein, dass der Ouroboros in seiner biblischen Rückbindung als Leviathan über die Schiene der Kabbala und Gnosis Einzug in das jüdische Bildprogamm hielt.
Es bleibt somit nur zu mutmaßen und festzuhalten, dass es sich bei dem Phänomen des Ouroboros auf den Grabsteinen im Burgenland entweder um einen fortschreitenden Entwicklungsprozess eines Symbols oder aber um eine parallele Entwicklung zu christlichen Symbolen gehandelt haben dürfte.

Abschließend sei jedoch noch angemerkt, dass der Ouroboros und der Leviathan stets als Fabelwesen oder Bestien abgetan wurden, doch es tatsächlich mehrere Tiere gibt, die sich wie der Ourobos selbst in den Schwanz beißen, wenn Gefahr droht, um sich zu schützen. Zu diesen Tieren, welche diese Schutzhaltung einnehmen, zählen einige Schlangenarten, Eidechsen, wie die hier abgebildete Gürteltierechse, oder sogar manche Schuppentiere. Was zu der Frage führt, ob es sich bei dem Ouroboros, der gewundenen Schlange, in den Mythen der verschiedenen Kulturen tatsächlich immer nur um ein Symbol handelt, oder ob möglicherweise doch ein Körnchen Wahrheit in diesen steckt.
Doch dies ist eine andere Geschichte, die es vielleicht ein andermal zu erzählen gilt.

 

Gürteltierechse in Schutzhaltung
Gürteltierechse in Schutzhaltung [40]

 

 


[1] Im späten 18. Jahrhundert kam es zu einem Wandel in der Sepulkralkultur, der bewirkte, dass auf christlichen und auch jüdischen Friedhöfen antike Symbole auftauchten, welche losgelöst aus ihren früheren Kontexten zu allgemeinen Zeichen der Trauer um die Verstorbenen wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts scheint das Symbol jedoch immer seltener zu werden, bis es schließlich gar nicht mehr gebräuchlich war. [Zurück zum Text (1)]

[2] 1. Asgard = Reich der Asen (= Götter); 2. Alfheim = Reich der Lichtelfen; 3. Vanaheim = Reich der Vanir; 4. Muspelheim = Reich des Feuers; 5. Midgard = Reich der Menschen; 6. Svartalfheim = Reich der Dunkelelfen und Zwerge; 7. Niflheim = Reich des Eises; 8. Jötunheim = Reich der Riesen; 9. Helheim = Reich der (bösen) Toten. [Zurück zum Text (2)]

[3] Linkes Bild: Eigenkreation; rechtes Bild: Teilzeithelden. [Zurück zum Text (3)]

[4] Weitere Bäume der nordischen Mythologie, welche des Öfteren mit Yggdrasil gleichgesetzt werden, sind Mimameid und Lärad. [Zurück zum Text (4)]

[5] Sofern der Beiname ‚Nasenbleicher‘ dem Drachen zugeordnet werden kann, so ist auch er es, der die Toten in jener Zeit zerreißt. [Zurück zum Text (5)]

[6] Dieser ḫalub-Baum ist im Gegensatz zu der Weltenesche vermutlich als Eiche zu identifizieren. [Zurück zum Text (6)]

[7] Auch Philo war davon überzeugt, dass die Schlange unsterblich sei. Durch den Umstand, dass die Schlange im Alter ihre Haut vom Scheitel bis zum Schwanz abwirft, wirft sie dem Menschen vor, den Tod gegen seine (frühere) Unsterblichkeit eingetauscht zu haben. (Quaestiones, Genesis 1,33). [Zurück zum Text (7)]

[8] Bildquelle: Wikipedia. [Zurück zum Text (8)]

[9] Bildquelle: Das Alte Ägypten. [Zurück zum Text (9)]

[10] Linkes Bild: Wikipedia; rechtes Bild: Wikipedia. [Zurück zum Text (10)]

[11] Bildquelle: Wikipedia. [Zurück zum Text (11)]

[12] Linkes Bild: Digitale Sammlungen; rechtes Bild: Digitale Sammlungen. [Zurück zum Text (12)]

[13] Bildquelle: Wikipedia. [Zurück zum Text (13)]

[14] Dabei handelt es sich um eine religiös-philosophische Offenbarungslehre, deren Name sich von der mythischen Gestalt des Hermes Trismegistos ableitet. Diese Gestalt entstand vermutlich durch eine im ägyptischen Hellenismus entstandene synkretistische Verschmelzung des griechischen Gottes Hermes mit dem ägyptischen Thot, dem Gott der Weisheit und der Wissenschaft. Neben theoretisch philosophischen Werken, entstanden auch technische, praktische mit dem Zweck der Lebensmeisterung und der Naturbeherrschung durch okkultes Wissen, Magie, Astrologie und eben auch Alchemie. [Zurück zum Text (14)]

[15] Linkes Bild: Wikipedia; rechtes Bild: Wikipedia. [Zurück zum Text (15)]

[16] Bildquelle: BBC. [Zurück zum Text (16)]

[17] Bildquelle: Wikipedia (Englisch). Bild bearbeitet: CC BY-SA 2.0. [Zurück zum Text (17)]

[18] In dem Werk Pirqe de Rabbi Eliezer (PRE) 20, S. 46a, sowie im Targum Pseudo Jonathan zu Gen 3,21 wird beschrieben, dass das Gewand, welches Gott Adam und Eva im Paradies gab, aus der Haut der getöteten Schlange bzw. des Leviathans bestand. [Zurück zum Text (18)]

[19] Karl Erich Grözinger, Jüdisches Denken II (2005), S. 100. [Zurück zum Text (19)]

[20] Übersetzt von Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (1951), S. 437. [Zurück zum Text (20)]

[21] Sohar II, S. 176b. [Zurück zum Text (21)]

[22] Sohar I, S. 52a. [Zurück zum Text (22)]

[23] Vgl. Karl Erich Grözinger, Jüdisches Denken III (2009), S. 477. [Zurück zum Text (23)]

[24] Boris Khaimovich, Leviathan: The Metamorphosis of a Medieval Image (2020), S. 28. [Zurück zum Text (24)]

[25] Boris Khaimovich, Leviathan: The Metamorphosis of a Medieval Image (2020), S. 35. [Zurück zum Text (25)]

[26] Boris Khaimovich, Leviathan: The Metamorphosis of a Medieval Image (2020), S. 35. [Zurück zum Text (26)]

[27] Boris Khaimovich, Leviathan: The Metamorphosis of a Medieval Image (2020), S. 35. [Zurück zum Text (27)]

[28] Boris Khaimovich, Leviathan: The Metamorphosis of a Medieval Image (2020), S. 35. [Zurück zum Text (28)]

[29] Boris Khaimovich, Leviathan: The Metamorphosis of a Medieval Image (2020), S. 37. [Zurück zum Text (29)]

[30] Boris Khaimovich, Leviathan: The Metamorphosis of a Medieval Image (2020), S. 38. [Zurück zum Text (30)]

[31] Beide Bilder: Der kleine Garten. Symbollexikon. Ouroboros. [Zurück zum Text (31)]

[32] Bildquelle: OHLSDORF – Zeitschrift für Trauerkultur. [Zurück zum Text (32)]

[33] Beide Bilder: Alaturka. Das Kultur- und Reiseportal. [Zurück zum Text (33)]

[34] Bildquelle: Jüdisches Leben in Ingenheim. [Zurück zum Text (34)]

[35] Alle Fotos Johannes Reiss, siehe besonders auch: Jüdischer Friedhof Lackenbach. [Zurück zum Text (35)]

[36] Alle Fotos Johannes Reiss, siehe besonders auch: Jüdischer Friedhof Kobersdorf. [Zurück zum Text (36)]

[37] Grabstein Salomon Zollschan, 27. Februar 1907. [Zurück zum Text (37)]

[38] Für weitere Symboldeutungen siehe beispielsweise: Symbolik auf dem Friedhof. [Zurück zum Text (38)]

[39] Eigenkreation; vgl. Gerhard Langer, Judentum für Dummies (2022), S. 264. [Zurück zum Text (39)]

[40] Bildquelle: Reddit.com. [Zurück zum Text (40)]

 

Über die Autorin: Esther Agnes Zoe Heiss, geboren 1995, eine Ausbildung ganz ähnlich der meinen (Judaistik und Altorientalische Philologie und Orientalische Archäologie), Universitätsassistentin und ab Dezember 2023 Geschäftsführerin und Direktorin des Österreichischen Jüdischen Museums. Ich freue mich ganz besonders, dass Esther meine Nachfolgerin ist und wünsche ihr alles Gute, viel Freude und viel Erfolg!


1. Artikel der kleinen Reihe über Symbole auf jüdischen Grabsteinen: “Der Herr segne und behüte dich. Symbole auf jüdischen Grabsteinen I ‒ Die segnenden Priesterhände.

2. Artikel der kleinen Reihe über Symbole auf jüdischen Grabsteinen: “Deshalb gab er ihr den Namen ‘Träneneiche'”. Symbole auf jüdischen Grabsteinen II.

 

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