Adler Samuel – 08. Jänner 1913

Adler Samuel – 08. Jänner 1913

Personenregister jüdischer Friedhof Lackenbach

 

Samuel Adler, 29. Tevet 673 (= Mittwoch, 08. Jänner 1913)

Grabstein Samuel Adler, 08. Jänner 1913
Grabstein Samuel Adler, 29. Tevet 673 = Mittwoch, 08. Jänner 1913

 

Die hebräische Grabinschrift

Inschrift Samuel Adler 1913 1907: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ”נ
[2] der alte Mann, gottesfürchtig, האיש הישיש ירא אלקים
[3] d(er Herr) Samuel Alder, von hier. ר’ שמואל אדלער מפה
[4] Er wurde eingesammelt in seine Welt im Alter von 96 נאסף לעולמו בן תשעים
[5] Jahren am Tag 4 (= Mittwoch), 29. וששה שנה ביום ד’ כט’
[6] Tevet und wurde begraben a(m) V(orabend) d(es heiligen) Sch(abbat), טבת ונקבר ב’ע’ש’ק’
[7] dem 2. Schvat 673 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). ב’ שבט ת’ר’ע’ג’ לפ”ק
[8] Ein aufrechter und tugendhafter Mann. איש ישר וכשר
[9] Er wandelte in Lauterkeit und Tugendhaftigkeit, הלך בתום וביושר
[10] fest hielt er am Baum des Lebens, דבק בעץ החיים
[11] teuer war er mit reinen Händen. יקר ונקי כפים
[12] Gutes (tat er) dem Himmel und den Freunden, טוב לשמים ולחברים
[13] sein Name gedeihe für Generationen. ינון שמו לדורים

Sockel

Inschrift Samuel Adler Sockel: Zeilengerechte Transkription
[1] Herr
[2] Samuel Adler
[3] gest. 8. Januar 5673.
[4] Weiss, Graz.
 

Anmerkungen

Zeile 1: Die Einleitungsformel wird im Hebräischen meist abgekürzt פ”נ und aufgelöst in פה נפטר “Hier ist geborgen”.

Zeile 3: Die übliche hebräische Abkürzung ר wird aufgelöst in רב (“rev”) und bedeutet schlicht “Herr”. Siehe auch meinen ausführlicheren Kommentar zum Thema.

Zeile 6: Die übliche hebräische Abkürzung בעש”ק wird aufgelöst in בערב שבת קדש “am Vorabend des heiligen Schabbat”.

Zeile 7: Die übliche hebräische Abkürzung nach der Jahreszahl לפ”ק wird aufgelöst in לפרט קטן (lifrat katan) und bedeutet “nach der kleinen Zählung”, also dass der Tausender der Jahreszahl nicht geschrieben wird. Im konkreten Fall: 607 und nicht 5607.

Zeile 10: S. v.a. das kabbalistische Werk “Chesed LeAvraham”, Even Shetiya, Maayan 2 8:2 הענין כי העוסק בתורה ובפרט ברזין דחכמתא שזה יתעלה על הכל, וסתם כל העוסקים כולם הם נדבקים בעץ החיים דהיינו ת”ת, וסתם כולם שכינה עמהם מפני שדרך השכינה להדבק עם הת”ת, וכיון שרואה מי שעוסק בתורה דבק בעץ החיים מיד היא קופצת עליו כדי להדבק עם הת”ת, “Der Punkt ist: Wer sich mit der Tora befasst ‒ und zwar speziell mit den Geheimnissen der Weisheit, die alles andere übersteigt ‒, der hält dadurch am Baum des Lebens (das bedeutet “Tiferet”) fest; und die Schechina ist stets bei einem solchen Menschen, denn es liegt im Wesen der Schechina, an “Tiferet” zu haften. Und wenn sie jemanden sieht, der sich mit der Tora befasst und am Baum des Lebens festhält, eilt sie sogleich auf ihn zu, um sich an “Tiferet” zu heften.”

Anmerkungen zur Anmerkung: “Chesed le-Abraham” (“Barmherzigkeit für Abraham”) ist ein Werk des kabbalistischen Autors und Kommentators Rabbi Avraham Azulai. 1570 in Fès (Marokko) geboren, starb er am 6. November 1643 in Hebron. Während der Pestepidemie von 1619, als er in Gaza Zuflucht gefunden hatte, entstand sein kabbalistisches Werk Chesed le-Abraham, welches nach dem Tod des Autors 1685 in Amsterdam veröffentlicht wurde. Der Titel des Buches ist ein Zitat aus Micha 7,20: תִּתֵּ֤ן אֱמֶת֙ לְיַֽעֲקֹ֔ב חֶ֖סֶד לְאַבְרָהָ֑ם אֲשֶׁר־נִשְׁבַּ֥עְתָּ לַאֲבֹתֵ֖ינוּ מִ֥ימֵי קֶֽדֶם׃ “Du wirst Jakob Treue und Abraham Liebe erweisen, wie du unseren Vätern geschworen hast in den Tagen der Vorzeit.”

Tiferetתִּפְאֶרֶת bedeutet “Schönheit” (im Wort “Tiferet” steckt das hebräische Wort “Pe’er” פְּאֵ֔ר “Schönheit”), auch “Harmonie” und “Zierde” und ist die sechste der zehn göttlichen Erscheinungsformen (Sefirot) im kabbalistischen Lebensbaum, die vor allem als Vermittlerin der Gegensätze (nämlich der grenzenlosen Güte von Chesed mit der restriktiven Strenge von Gvura “Stärke”) dafür sorgt, göttliches Licht für die Schöpfung bereitzustellen, jeder Kreatur das richtige Maß an göttlichem Licht zukommen zu lassen.
Siehe den Eintrag “Tiferet” auf Jüdische.Info“.

Schechina“, שְׁכִינָה, das “Wohnen”, das “Einlassen”, die göttliche Immanenz, in der Kabbala oft der weibliche, fürsorgliche Aspekt der Gottheit, die Mutter aller Seelen.

Wenn zwei Menschen zusammensitzen und über die Tora reden, dann ist die Schechina anwesend

Mischna, Awot 3,2

S. v.a. den Begriff “Schechina” in der Jüdischen Allgemeinen.

Chesedחֶ֥סֶד “Nächstenliebe”, Güte, Barmherzigkeit, Gnade”.

Im kabbalistischen Lebensbaum der zehn Sefirot steht Chesed, hier auch Gedola (Größe) genannt, genau in der Waagerechten der mittleren Ebene, gegenüber von Gevura (Macht, Stärke).

S. v.a. den Begriff “Chesed” in der Jüdischen Allgemeinen.

Gwuraגְבוּרָה “Kraft”, “Stärke”, und zwar besonders die restriktive Kraft, s. besonders den Eintrag “Gwura” auf der Jüdischen.Info.

Zeile 11: Psalm 24,4 נְקִ֥י כַפַּ֗יִם וּֽבַר־לֵ֫בָ֥ב “Wer rein an Händen und lauteren Herzens ist”.

Zeile 12: Mit “Himmel” ist natürlich Gott gemeint. Die Botschaft der Zeile ist, dass Samuel Adler ein guter Mann war, siehe 2 Samuel 18,27 וַיֹּ֤אמֶר הַמֶּ֙לֶךְ֙ אִֽישׁ־ט֣וֹב זֶ֔ה וְאֶל־בְּשׂוֹרָ֥ה טוֹבָ֖ה יָבֽוֹא “Da sprach der König: Das ist ein guter Mann, und mit einer guten Botschaft kommt er” und Psalm 14,4 (ganzer Vers wg. Kontext) מִדְּרָכָ֣יו יִ֭שְׂבַּע ס֣וּג לֵ֑ב וּ֝מֵעָלָ֗יו אִ֣ישׁ טֽוֹב׃ “Der Untreue sättigt sich von seinen Wegen, der gute Mensch von dem, was in ihm ist.”

Zeile 13: Psalm 72,17 (ganzer Vers für besseres Verständnis) יְהִ֤י שְׁמ֨וֹ ׀ לְֽעוֹלָ֗ם לִפְנֵי־שֶׁמֶשׁ֮ (ינין) [יִנּ֢וֹן] שְׁ֫מ֥וֹ וְיִתְבָּ֥רְכוּ ב֑וֹ כׇּל־גּוֹיִ֥ם יְאַשְּׁרֽוּהוּ “Sein Name soll ewig bestehen, solange die Sonne bleibt, sprosse sein Name. Mit ihm wird man sich segnen, ihn werden seligpreisen alle Völker”.

Sockel, Zeile 3: Interessant bzw. auffällig, dass das Sterbejahr in der deutschen Inschrift am Sockel nach der jüdischen Zeitrechnung angegeben wird (5673 und nicht 1913).

Sockel, Zeile 4: Es handelt sich um die Steinmetzfirma.

 

Biografische Notizen

Samuel Adler, geb. 25. September 1817 in Kobersdorf, zuständig nach Lackenbach, gest. 29. Tevet 673 = Mittwoch, 08. Jänner 1913 mit 96 Jahren in Graz, begraben am jüdischen Friedhof Lackenbach Freitag, 02. Schvat 673 = 10. Jänner 1913 an Lungenentzündung. Eingetragen im Sterbebuch Graz.

Eintrag Sterbebuch Graz, Samuel Adler, 08. Jänner 1913
Eintrag Sterbebuch Graz, Samuel Adler, 08. Jänner 1913

Ehefrau: Julie (Jentel) Adler, geb. Kronberger, gest. 11. Jänner 1907, begraben neben ihrem Ehemann.

 

Eine Art Fortsetzung des Artikels oder besser den Versuch einer Erklärung, worum es, abseits von Übersetzung der und den Kommentaren zur Inschrift, auch wesentlich geht, habe ich auf meiner Facebooksite geschrieben.
Weil viele Blogleser:innen und am Inhalt Interessierte keine Facebooknutzer:innen sind, ich aber doch glaube, dass der Inhalt für viele interessant sein könnte, außerdem Facebook ein Social-Media-Dienst ist, von dem ich selbst nicht weiß, wie lange ich ihn noch mit gutem Gewissen halten werde, binde ich den Facebooktext einfach ‒ zunächst einmal als Versuchsballon ‒ hier ein:

Zugegeben, ich war überrascht: Jüdischer Friedhof Lackenbach: Zwei Grabsteine, ein Ehepaar, Julie und Samuel Adler, nebeneinander begraben. Zwei hebräische Grabinschriften auf modernen Granitsteinen, beide Anfang 20. Jahrhundert, beide am Sockel die Namen in deutscher Sprache, was auf zumindest ganz leichte Assimilationstendenzen schließen lässt. Beide Grabinschriften auf den ersten Blick sozsuagen “zwei glatt, zwei verkehrt”, also recht simpel und schnell machbar.

Und dann passiert das, was eben gelegentlich passiert: Ich bleibe beim Ehemann in der Eulogie, also im Lobteil der Inschrift, in Zeile 10 hängen. Die Lesbarkeit ist kein Thema, glasklare Schrift, aber ich stolpere über den Sinn und auf einmal war klar, schnell geht da nichts.

Es heißt im Kontext: “Er war ein aufrechter und tugendhafter Mann, wandelte in Lauterkeit und Tugendhaftigkeit und dann kommt die Zeile 10:

fest hielt er am Baum des Lebens.

Nun kommt der “Baum des Lebens” in hebräischen Grabinschriften doch gar nicht so selten vor, wenn auch fast ausschließlich im Sinne von “Unter dem Baum des Lebens erfreut sich deine Seele, im Garten Eden wird man dir dein Festmahl bereiten” u.Ä.

Für “an etwas haften”, “an etwas festhalten” fand ich keine Belege im Zusammenhang mit dem Baum des Lebens. Abgesehen davon, dass eine eschatologische, also endzeitliche Deutung der Zeile an dieser Stelle eher auszuschließen ist. Die Zeile muss sich also, so mein Gedankengang, auf die Lebenszeit von Samuel Adler beziehen, auf sein, wie auch immer idealisiert dargestelltes irdisches Leben.

Zwar finden wir in der hebräischen Bibel einige Male den “Etz (Ha)Chajim”, den Lebensbaum, und besonders in Sprüche 11,30 heißt es: “Die Frucht des Gerechten ist ein Lebensbaum…”, aber woran hat der Verfasser der Inschrift konkret gedacht, als er diese Zeile schrieb?

Tatsächlich kannte er das kabbalistische Werk “Chesed Le-Abraham” (“Barmherzigkeit für Abraham”), das von Rabbi Abraham Azulai im Jahr 1619 anlässlich der Pestepidemie verfasst worden war.
Und in diesem Werk finden wir praktisch das wörtliche Zitat der Zeile 10 der hebräischen Grabinschrift des Samuel Adler:

Wer sich mit der Tora befasst und zwar speziell mit den Geheimnissen der Weisheit… der hält dadurch am Baum des Lebens fest (!)… und die Schechina, die Gegenwart Gottes, ist stets bei einem solchen Menschen…

Dass Samuel Adler offensichtlich ein guter, weiser Mensch war, wird dann noch zwei Zeilen später, in Zeile 12 bestätigt, wo es heißt: “Gutes tat er dem Himmel (also Gott) und den Menschen”, und in Zeile 13 folgt: “Sein Name gedeihe weiter für Generationen”.

Ich gebe ebenfalls zu: ich habe in dieser Inschrift keine von der jüdischen Mystik, der Kabbala beeinflusste Zeile erwartet und war daher überrascht.
Klar wird aber damit auch, was überhaupt in der ehemaligen jüdischen Gemeinde Lackenbach gelesen und studiert wurde!

Denn diese Zeile zeigt uns sehr deutlich, dass hebräische Grabinschriften auch mit der Existenz von Matrikenbüchern nicht aufhören Primärquellen zu sein, die Inschrift muss vor allem auch als Quelle zur Erforschung der jüdischen Geschichte betrachtet werden. Und dazu gehören Fragen wie “Welche Ausbildung und welche Bildung hatten der Rabbiner und seine Rabbinatsassessoren?, Gab es in der jüdischen Gemeinde chassidische und/oder mystische Tendenzen? Was wurde in der jüdischen Schule und in der Jeschiwa gelesen und studiert? und viele andere Fragen.

In jedem Falle war die Inschrift spannend und wieder einmal kann ich nur wiederholen: auch nach fast 35 Jahren Dokumentation hebräischer Grabinschriften lerne ich immer wieder Neues und auch das fasziniert mich an meiner Arbeit…

Bleibt nur noch anzumerken, dass insbesondere auch jüdische Friedhöfe mit ausschließlich hebräischen Grabinschriften jenseits der Genealogie und biografischen Details über die Begrabenen in ihren Inschriften viele spannende und interessante Geschichten über die ehemaligen jüdischen Gemeinden bieten, die entdeckt und gefunden werden wollen. Dazu müssen wir aber die jüdischen Friedhöfe besuchen, beim Entdecken der spannenden Geschichten helfe ich Ihnen gerne, siehe meine Rundgänge auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes.

 

 

Personenregister jüdischer Friedhof Lackenbach

 

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