Judenmuseum in Eisenstadt

Judenmuseum in Eisenstadt

Eine Schaustellung von Ghetto-Altertümern

Im Reich wurden durch die Partei bereits verschiedene Logenmuseum (sic.!) zur Veranschaulichung des internationalen Freimaurertums geschaffen, die zu den meistbesuchten Instituten dieser Art gehören. Nunmehr wurde durch die NSDAP in Eisenstadt im Ostmarkgau Niederdonau ein Judenmuseum eingerichtet.

Eisenstadt kam deshalb als erste Stadt des Reiches für ein derartiges Judenmuseum in Frage, weil es schon seit dem Mittelalter ein wichtiges Einfallstor de Judentums nach Mittel- und Westeuropa war und sich hier bis zum Umbruch noch eine streng orthodoxe Judengemeinde befand, die in einem Ghetto wohnte.

Außerdem hatte eine Judenfamilie in einem Schloß, das als Trutzburg des Judentums gegenüber den arischen Grundherren gebaut war, bereits laufend jüdische Altertümer gesammelt, die eine Fundgrube von Zeugnissen des uns religiös und rassisch fremden Talmudgeistes darstellen.

Neues Wiener Tagblatt, Wien, Freitag, 3. März 1939. Vielen herzlichen Dank an Michael Haubl, Wien, für den Tipp.


Alexander Sándor Wolf, eine Zeit lang am Eingangstor zum Landesmuseum
Alexander Sándor Wolf, eine Zeit lang am Eingangstor zum Landesmuseum


Mit “Judenfamilie” ist natürlich die Familie Wolf gemeint, besonders Alexander Sándor Wolf, das “Judenmuseum” ist das Landesmuseum Burgenland.


Einige Jahre davor hat Franz Werfel das Landesmuseums als “entzückendes kleines Barockpalais” bezeichnet: Denn kurz nach ihrer Hochzeit am 7. August 1929 besuchten Franz Werfel und seine Frau Alma Eisenstadt und dort auch das Wolf-Museum. Werfel, der sich intensiver mit Geschichte und Kultur der burgenländischen Juden auseinandergesetzt hatte, war von Sándor Wolf offenbar nachhaltig beeindruckt. In seinem Romanfragment “Cella oder die Überwinder” (1938/39) setzte Werfel dem Schicksal der Juden der “Sieben-Gemeinden” und insbesondere den Juden Eisenstadts ein literarisches Denkmal. Sándor Wolf begegnet uns in “Cella” als Baron Jaques Emanuel Weil.

Die anachronistische Sonne dieses Dezembertags hatte eine Menge Leute in den Schlosspark gelockt, ältere Herren zumeist und ein paar laute Kleinbürger-Familien. Auf einem der Seitenwege begegnete ich Jaques Weil. Er hieß genaugenommen Jaques Emanuel Edler von Weil. Die Weils spielten unter den Unsrigen vergleichsweise dieselbe Rolle wie das Magnatengeschlecht Esterházy im weiten Lande. … Ihr Haus in der bewussten Gasse, ein entzückendes kleines Barockpalais, stand unter staatlichem Denkmalschutz. Die Sammlung, die Jaques angelegt hatte, und seine großartige Bibliothek führte sogar der Baedeker an.

Franz Werfel, Cella oder Die Überwinder. Versuch eines Romans, Frankfurt 1997, 39

Landesmuseum Burgenland, Rückseite, Blick von der Unterbergstraße
Landesmuseum Burgenland, Rückseite, Blick von der Unterbergstraße


Sándor Wolf musste nach der Beschlagnahmung seines Besitzes 1938 über Italien nach Palästina fliehen. Der Direktor des Landesmuseums, Alfons Barb, wurde von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben und pensioniert, “mit Entscheidung des Reichsstatthalters in Österreich vom 19. Jänner 1939 wurden der Landeshauptmannschaft Niederdonau schließlich für das Landesmuseum in Eisenstadt die 4 Wolf-Häuser zur Benützung auf die Dauer von 10 Jahren zugewiesen”.

Josef Tiefenbach, Geschichte des Burgenländischen Landesmuseums. Daten – Fakten – Bilder, Eisenstadt 2009, 34f


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