Gelehrte, Rabbiner und ein Geizhals

Gelehrte, Rabbiner und ein Geizhals

Krakau: Im jüdischen Viertel Kazimierz

Die Einladung zu einem Vortrag führte mich vergangene Woche nach Krakau.

Besondere Faszination auf mich hat der alte jüdische Friedhof, besser bekannt als REMU- oder REMA-Friedhof, der 1552 angelegt wurde und auf dem sich Grabsteine befinden, die zu den ältesten Polens gehören. Allerdings muss deutlich angemerkt werden, dass der Friedhof heute zu einem überwiegenden Teil eher ein Lapidarium als ein Friedhof im engeren Sinn des Wortes ist, da sehr viele Grabsteine nicht auf ihrem ursprünglichen Platz stehen.

Nach der weitgehenden Zerstörung des Friedhofes in der Schoa sind nur wenige Grabsteine erhalten geblieben. Unter diesen war das Grabdenkmal von Rabbiner Moses Isserles (hebräisches Akronym: רמ”א REMA oder REMU, auch genannt der Maimonides Polens”), der Lag Ba-Omer 332 = 1. Mai 1572 starb und Vorfahre von Moses Mendelssohn und Felix Mendelssohn-Bartholdy war.
Als der erste Nazi ansetzte, seinen Grabstein zu zerstören, soll er wie vom Blitz getroffen, tot umgefallen sein. Danach verzichteten die Deutschen auf die Zerstörung, für viele Juden ein Beweis für die Wunderkraft des Rabbiners.
Das Grab von Rabbiner Moses Isserles, der vor allem durch sein umfangreiches Kommentarwerk berühmt wurde, ist das Ziel tausender orthodoxer Jüdinnen und Juden aus aller Welt.

Auf seinem Grabstein ist in der vierten Zeile von unten zu lesen:

ממשה עד משה לא קם כמשה בישראל
Von Moses (Maimonides) bis Moses (Isserles) war in Israel keiner wie Moses.

Neben Moses Isserles befinden sich die Grabsteine seiner 1617 verstorbenen Schwester Mirjam Bella Horowitz und seines Vaters Israel ben Josef, Kaufmann und Bankier, gest. 1568, dem Stifter der REMU-Synagoge, die sich gleich neben dem Friedhof befindet. Bei diesen beiden Grabsteinen ersetzen die senkrechten Vorderplatten die zerstörten originalen Grabdenkmäler.

Ganz hinten am Friedhof finden wir den Grabstein des großen Rabbiners und Gelehrten sowie Schüler des als Rabbi Löw bekannten Maharal von Prag, Gerschon Saul Jomtov Lipmann Heller, und gleich neben ihm, fast unscheinbar, das Grab von “Jossel, dem heiligen Geizhals”.

Jomtov Lipmann Heller kam 1625 als Rabbiner nach Wien, nachdem er zuvor schon Rabbinatsassessor in Prag und ab 1624 Rabbiner in Nikolsburg gewesen war. Nur zwei Jahre blieb er in Wien, 1627 findet man ihn schon wieder in Prag.

“Wiewohl die Gemeinde von Wien durch Ehrenbezeugungen und Geldspenden mich zu behalten suchte, trug mich mein Herz dennoch nach Prag”

schreibt Heller in seinen Erinnerungen (zitiert nach Brugger, Keil u.a., Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, 290)

…dass es sich bei dem Wechsel nach Prag eindeutig um einen beruflichen Aufstieg handelte. Aber auch in dieser Position blieb er nicht lange… wurde er 1629 beim Kaiser wegen Bestechlichkeit und Verletzung der Religion durch seine Schriften denunziert, worauf er nach Wien gebracht wurde und dort 40 Tage inhaftiert war, bis die Wiener Judenschaft eine Kaution in Höhe von 10.000 Gulden für ihn erlegen konnte…
Unehrenhaft entlassen, war Heller nun an verschiedenen Rabbinaten tätig, bis er schließlich 1654 in Krakau starb.

Brugger, Keil u.a., Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, 290)

Aber warum sind die beiden, der große Gelehrte und Rabbiner und der Geizhals nebeneinander begraben? Die Geschichte sei hier kurz erwähnt, da es kaum deutschsprachige Quellen für sie gibt.

Jossel war im 17. Jahrhundert ein reicher Bürger des jüdischen Viertels von Krakau und ‒ so glaubten alle ‒ zu geizig, um Zedaka (Wohltätigkeit) zu üben. Als er starb, begruben sie ihn daher ganz hinten am jüdischen Friedhof, wo die Armen und Verstoßenen liegen. Aber unmittelbar nach seinem Tod brach Armut über das jüdische Viertel herein und die Menschen erkannten plötzlich, dass Jossel sie immer geheim mit Geld und Gütern versorgt hatte. Sie baten ihren Rabbiner um Hilfe. Dieser ließ am Grabstein von Jossel den Zusatz “HaZadik” (der Gerechte) eingravieren. Der Rabbiner soll Jomtov Lipmann Heller gewesen sein, der verfügte, nach seinem Tod 1654 neben Jossel begraben zu werden.

Literaturnobelpreissträger Isaac Bashevis Singer setzte Rabbiner Jomtov Lipmann Heller in seinem Erstlingswerk “Satan in Goraj” (1934) in der Gestalt des Rabbi Benisch Aschkenasi ein literarisches Denkmal (übrigens: die Ehefrau von Rabbiner Heller war Rachel, Tochter des Aaron Moses Aschkenasi). Nach dem großen Pogrom durch die Kosaken und Tataren (siehe Chmelnzkyj-Aufstand) warteten und hofften die Bürger Gorajs auf das baldige Erscheinen des Messisas, der in Gestalt des Schabbtai Zvi, geboren 1626 in Smyrna (heutige Türkei) erscheinen sollte. Der böse und dämonische Gedalja treibt die Menschen von Goraj zu immer wüsteren Handlungen, ein Mädchen stirbt schließlich, Rabbi Benisch hatte Goraj zu diesem Zeitpunkt längst in Richtung Lublin verlassen.

Die letzten Bürger, die nach Goraj zurückkehrten, waren der alte und hochangesehene Rabbi Benisch Aschkenasi und Reb Eleasar Babad, früher der reichste Mann der Gemeinde und ihr Vorsteher…

Rabbi Benisch Aschkenasi war der Nachfolger vieler Generationen von Rabbis. Er, der Verfasser von Kommentaren und Responsen, Mitglied des Rates der Vier Provinzen, galt als einer der klügsten und gelehrtesten Männer seiner Zeit…

Gegenüber von REMU-Synagoge und Friedhof befindet sich eine umzäunte Grünfläche, auf der sich am südlichen Ende ein Denkmal für die 65.000 in der Schoa ermordeten Jüdinnen und Juden aus Krakau befindet. Der Zaun besteht aus aneinandergereihten Menorot (siebenarmigen Leuchtern), die bebaumte Grünfläche war einst der Vorgängerfriedhof des REMU-Friedhofes, bestand also bis 1552.

Diese Fläche bzw. dieser einstige Friedhof hängt mit einer Legende zusammen, die variantenreich erzählt wird und die örtliche Tradition, am Freitag keine Hochzeiten abzuhalten, erklärt:

Ein reicher Jude in Krakau beschloss seine Tochter mit einem geeigneten Kandidaten, also einem Ehemann aus einer ebenso reichen Familie aus einer anderen Stadt, zu vermählen. Die Hochzeitsfeier sollte in dem Haus vor der REMU-Synagoge stattfinden.

Die Trauung war zwar für Freitagmittag geplant, aber eben um diese Zeit war klar, dass die Familie des Bräutigams nicht rechtzeitig nach Krakau kommen würde. Es war bald auch klar, dass es nicht zu schaffen ist, die Feierlichkeiten vor Beginn des Schabbat abzuhalten.

Der Vater der Braut, ein sehr frommer Jude, wollte die Feier verschieben, doch die Eltern des Bräutigams wollten davon nichts wissen. Der Rabbiner, vom Brautvater um dringenden Rat gebeten, riet ihm, eine kurze Hochzeit abzuhalten und danach gleich in die Synagoge zu kommen und zu beten.

Die Feierlichkeiten begannen, die Gäste feierten ausgelassen, tanzten bei lauter Musik, aßen und tranken reichlich. Niemand bemerkte oder wollte bemerken, wie spät es wurde und dass die Zeit des Schabbats gekommen war. Sie hörten also nicht auf den Rat des Rabbiners und die Strafe folgte auch sogleich:

Plötzlich fing die Erde an zu beben und öffnete sich unter den Füßen der Hochzeitsgäste. Das Haus, in dem die Hochzeit stattfand, wurde von der Erde verschlungen, alle Hochzeitsgäste lebendig begraben. Niemand wagte es sie auszugraben, die Stelle wurde zugeschüttet und umzäunt.

Angeblich kann man bis heute in der Nähe der Synagoge das Gejammer und Geflüster der Hochzeitsgäste hören.

Siehe v.a. Skora Jaroslaw, Krakauer Legenden, o.O. 2018

Soweit die Legende. Ganz erfunden ist das alles nicht, es gab wirklich unter Rabbiner Moses Isserles eine Hochzeit im 16. Jahrhundert in Kazimierz. Da die Braut eine Waise war und die im Ehevertrag vereinbarte Mitgiftsumme nicht rechtzeitig eingetroffen ist, schob der Rabbiner den Schabbatgottesdienst zeitlich etwas nach hinten, bis die Summe eingetroffen war. Obwohl er dafür von vielen Gelehrten scharf kritisiert wurde, verteidigte er seine Haltung vehement und mit großer Gelehrsamkeit: Dass nämlich das Verbot, am Schabbat Hochzeiten abzuhalten, nicht unmittelbar aus der Tora abgeleitet wurde, sondern von den rabbinischen Gelehrten. Und dass diese doch mit diesem Gesetz sicher nicht einer armen Waisen schaden wollen.


Nicht weit vom alten jüdischen Friedhof liegt der sogenannte neue jüdische Friedhof, der aber hier nur kurz erwähnt werden soll. Um 1800 entstanden, befinden sich auf 4.5 Hektar etwa 10.000 Grabsteine. Einige Fotos sollen einen ersten, nur überblicksmäßigen Eindruck des Friedhofes vermitteln:


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