Erzählend erinnern

Erzählend erinnern

Es war jener Tag des Jahres, an dem der Mond um 16.20h nur 356.921 km von der Erde entfernt war. Der 5. November 2025 mit dem größten und hellsten Vollmond des Jahres, dem Supermond.
In dieser besonderen Stimmung fand die Fortbildungsveranstaltung der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland statt mit dem Titel:

Außerschulischer Lernort jüdischer Friedhof Lackenbach. Erzählend gedenken.

In der Ausschreibung zu dieser Veranstaltung hieß es (unter anderem):

Johannes Reiss ist der Transkribierer. Wer ihn kennt, weiß, dass es ihm stets gelingt zu übersetzen ‒ das Hebräische in die deutsche Sprache, aber auch die Erfahrungen von Menschen vergangener Tage in die Lebenswelten heute.

Als Fortsetzung des Nachtgebetes am 10. April 2025 dient dieser Nachmittag der Vertiefung von Kenntnissen über den jüdischen Friedhof Lackenbach als auch dem weiteren Eintauchen in Lebenserfahrungen und Biografien, aus denen wir alle lernen können. Indem wir uns erinnern, verstehen wir neu.

Ich habe mich sehr gefreut, dass gut 15 Teilnehmer:innen aus Schulen im ganzen Burgenland um 15 Uhr nach Lackenbach gekommen sind, ausgerüstet mit festen Schuhen, Stirnlampen und einigen Schichten Kleidung ;-).

Der jüdische Friedhof liegt etwas außerhalb des ehemaligen jüdischen Viertels, nahe der katholischen Kirche und dem christlichen Friedhof, auf der Straße, die bergan führt Richtung Ritzing. Dieser nicht einmal 1.000 Seelen zählende kleine Ort hatte schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Kirche, als es in Lackenbach, bis 1663 Filialgemeinde von Ritzing, nur die Kapelle im Schloss Esterházy gab. In Lackenbach wurde die katholische Kirche erst zwischen 1955 und 1962 gebaut. Eine Synagoge gab es in Lackenbach aber sehr wahrscheinlich schon seit dem Ende des 17. Jahrhunderts. Noch vor Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die neue, große Synagoge errichtet, die 400 Personen Platz bot. 1941 oder 1942 wurde sie von den Nazis gesprengt.

Schöpfbrunnen vor dem Synagogenkomplex
Quelle: Straßenaufnahme der Synagoge L 24.691 - C Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek
Schöpfbrunnen vor dem Synagogenkomplex
Quelle: Straßenaufnahme der Synagoge L 24.691 – C Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

 

Alfred (Israel Abraham) Glück, Sohn von Recha (Rachel) Ullmann und Enkelsohn von Rabbiner David Ullmann, s.u., schreibt in seinen Erinnerungen über diesen Schöpfbrunnen:

Über die Brücke gelangte man auch in den Schulhof – ein größerer Platz, in dessen Ecke die Synagoge stand ‒ die sogenannte Schul. Warum hieß sie Schul? Ganz einfach ‒ weil dort die heiligen Schriften gelehrt wurden.

Mitten im Schulhof befand sich ein tiefer Brunnen, dem wir Kinder nicht nahe treten durften, um ‒ Gott behüte ‒ nicht hineinzufallen. Zwar war er von einem brusthohen Geländer umgeben, doch wer weiß, wozu übermütige Kinder fähig sind. Mittels einer Kurbel ließ man den an einer langen Kette befestigten Eimer hinunter und zog ihn mit Wasser gefüllt wieder hoch…

Doch nun zu der für uns Kinder interesssanteren Funktion des Schulhofs – er war ein idealer Spielplatz, genauer gesagt ein Fußballplatz. Hier verkehrten keine Fahrzeuge, der Boden war verhältnismäßig eben und fest getreten. Kein Wunder also, dass die jüdischen Kinder den Großteil ihrer Freizeit hier verbrachten…[1].

 

Der Friedhof ist der viertgrößte jüdische Friedhof in Österreich und der größte im Burgenland. Vor allem gemessen an seinen Gräbern und noch vorhandenen Grabsteinen: mehr als 1.700.

Jüdischer Friedhof Lackenbach, 5. November 2025, Foto: Adele Grill
Jüdischer Friedhof Lackenbach, 5. November 2025, Foto: Adele Grill

Rabbiner Adonijahu Krauss wurde 1902 als Sohn des Rabbiners Jehuda Cohen Krauss geboren, der im selben Jahr das Rabbineramt in Lackenbach angetreten hatte. In den 1930er Jahren emigrierte Krauss nach Jerusalem, sein Vater folgte 1935 nach und starb dort 1939. Adonijahu Krauss war nach 1945 Rabbiner in Regensburg und München und starb 1987 in Israel[2].

Gleich am Anfang seines Buches “Lackenbach. Eine kultur-historische Skizze einer jüdischen Gemeinde, Jerusalem 1963, schreibt Krauss:

Mit Wehmut denke ich zurück an dieses Sonnenland meiner Kindheit, an meine Kehillah [jüdische Gemeinde] Lackenbach, an diese blühende jüdische Gemeinde, die 1938 durch die nationalsozialistischen Machthaber vernichtet wurde. Die Juden wurden deportiert, das Gotteshaus angezündet und zerstört, Thorarollen geschändet und selbst Toten gönnte man nicht die Ruhe. Zerstreut in alle Weltteile leben noch heute die kleinen Reste der ehemaligen Lackenbacher Baale Batim [jüdische Bewohner Lackenbachs], wenige gibt es heute, die ein Andenken dieser alten Kehilla im Herzen bewahren, ausgestorben ist das letzte Geschlecht, verschieden der letzte Lackenbacher Raw, kein Jude lebt mehr dort in Lackenbach, verwaist ist der alte jüdische Friedhof, voll wehmütiger Rückblicke auf die vielen, vielen, die seit Jahrhunderten ins Grab gesunken sind, vereinsamt stehen sie, die Zeit überlebenden Grabsteine, die schönen Marmorsteine der Baronenfamilie Schey und die grosse Rabbinerreihe nahe der Südwand.

Genau dort, nahe der südlichen Friedhofsmauer, begannen wir unseren Rundgang. Die Kohanimgräber nahe der Mauer sind der Beweis, dass die Mauer ursprünglich niederer war, damit die Kohanim (Priester) von außerhalb des Friedhofes an den Begräbnissen teilnehmen konnten. Denn der Kohen darf sich nicht rituell verunreinigen. Zwischen den Kohanim-Gräbern, die wir so deutlich nahe der Mauer auf keinem anderen jüdischen Friedhof im Burgenland finden, und den fast an die Hauptallee des Zentralfriedhofes Wien erinnernden Grabmälern der ungarisch-nobilitierten Familie Schey befindet sich die ausgedehnte Rabbinerreihe. Also jene Reihe, in der die Rabbiner und großen Gelehrten der jüdischen Gemeinde Lackenbach begraben sind. Gleich am Beginn und etwas abgesetzt, ganz nahe an der Südmauer, der sofort ins Auge fallende Grabstein des berühmten Rabbiners Scholem Ullmann, der “der Scharfsinnige” genannt wurde und dessen Grabstein eine ausgesprochen schöne und lange Inschrift hat.

In der eigentlichen Rabbinerreihe gegenüber von Scholem Ullmanns Grab (1825) sind zuerst seine Vorgänger begraben: Rabbiner Benjamin Asch, der Sohn des großen und berühmtem Eisenstädter Rabbiners Meir (MaHaRaM) Asch, der 1770 starb und sein Nachfolger Rabbiner Salomon Salman Lipschitz, der 1808 starb. Scholem Ullmann vererbte sein Amt seinem Sohn Abraham Ullmann, dieser seinem Sohn David Ullmann, dem längst dienenden Rabbiner in den ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlandes. Beide Söhne sind mit ihren Ehefrauen in der Rabbinerreihe begraben.


Die hebräischen Grabinschriften erzählen auch hier von den Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Ehepartnern, Geschwister und Kinder, die die Schoa nicht überlebten. Wie Leon Ullmann, der 1859 geborene Sohn von Rabbiner David Ullmann, der am 4. November 1938 vergeblich versucht hatte, für sich und seine Frau Hedwig die Ausreisepapiere nach Antwerpen zu bekommen. Beide wurden in der Schoa ermordet.

Es war mittlerweile ziemlich kalt und dunkel geworden und wir beschließen den Nachmittag mit einem der ältesten Grabsteine am jüdischen Friedhof Lackenbach: dem des 1737 verstorbenen Herrn Natel, dem Sohn des von den Kuruzzen Anfang des 18. Jahrhunderts ermordeten Herrn Hesel.

 

Ich danke Frau Adele Grill, BEd MAS und der Privaten Pädagogischen Hochschule Burgenland, für die Organisation und dass diese Veranstaltung möglich gemacht wurde.

 

[1] Glück Israel A., Kindheit in Lackenbach. Jüdische Geschichte im Burgenland, Konstanz2 2025, 18. [Zurück zum Text (1)]

[2] Siehe Johannes Reiss (Hrsg.), Aus den Sieben Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, Eisenstadt 1997, 195.[Zurück zum Text (2)]

 

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