Bild der Woche – Die Gedenktafel

Bild der Woche – Die Gedenktafel

In der vergangenen Woche fanden die Gedenkfeiern anlässlich der Novemberpogrome 1938 statt.
In Eisenstadt, schräg gegenüber von unserem jüdischen Museum, befand sich die 1832 im Stil der französischen Revolutionsarchitektur erbaute Gemeindesynagoge. In den 1950er Jahren verkaufte die Israelitische Kultusgemeinde Wien das Gebäude zuerst an die Gewerkschaft, später kam das Grundstück (die Synagoge war schon vollständig abgerissen), in den Besitz einer Versicherungsgesellschaft.
Gleich neben dem Eingang dieser findet sich heute die unten abgebildete Gedenktafel.

Von einem langjährigen Museumsbesucher erfuhren wir vor kurzem, dass die Inschrift auf dieser Tafel, auch, was die Zeitangaben betrifft, nicht ganz richtig ist.
Der Zeitzeuge, ein älterer Herr aus einem kleinen Ort in der Nähe Eisenstadts, war als Kind in Eisenstadt im Internat, da es damals noch keine Busverbindungen zwischen seinem Heimatort und Eisenstadt gab. Und er erinnert sich genau daran, dass sie, die Schüler, nachts im Bett lagen und erzählt wurde, dass

oben in der Judengasse die Menschen knöcheltief durch das Glas gewatet sind.

Es war Mai/Juni 1938! Diese Version, dass also die Zerstörung der Gemeindesynagoge nicht erst im November 1938 erfolgte, bestätigen auch andere Zeitzeugen!

Auch der Text in der einzigen vollständigen Monografie über die Juden in Eisenstadt (Josef Klampfer, Das Eisenstädter Ghetto, 1966) muss daher wohl korrigiert bzw. ergänzt werden. Dort heißt es nämlich auch (Seite 39):

In Eisenstadt zog in der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938 eine mit Hacken versehene Menge in den Temel (sic!) und machte aus der Einrichtung Kleinholz. Der große Luster wurde auch nicht verschont. Die unterirdische Schatzkammer, 15 Tempelvorhänge, 7 Paar Aufsätze auf Thorarollen, eine Krone, eine Glasschatulle, ein kostbarer Trinkbecher, ein Kasten voll talmudistischer (sic!) Bücher fielen u.a. der Zerstörung zum Opfer (Angabe des H. Moritz Gabriel).

Moritz Gabriel, geboren 1887, war einer der wenigen Juden, die nach 1945 nach Eisenstadt zurückkehrten und die 1966 noch in Eisenstadt lebten, so dass Klampfer sie/ihn befragen konnte. Im November 1938 war jedoch auch Moritz Gabriel, wie alle anderen Juden Eisenstadts, nicht mehr in der Stadt. (Die burgenländischen Juden waren 1938 die ersten Juden in Österreich, die von den Ausweisungsbefehlen der Nazis betroffen waren. Schon wenige Tage nach dem Anschluss im März 1938 begann die systematische Ausweisung der Juden aus ihren Gemeinden.)
Wann genau Moritz Gabriel Eisenstadt verlassen musste, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Seine Angaben über das Novemberpogrom konnte er jedenfalls nur vom Hörensagen machen, fraglich ist, ob er bei der (ersten) Zerstörung der Synagoge im Mai/Juni 1938 noch in Eisenstadt war.

Am Gewerkschaftsgebäude war übrigens auch schon eine Gedenktafel angebracht, deren Text etwas ausführlicher und deutlicher, aber wohl auch nicht ganz korrekt war:

An dieser Stelle stand der Tempel der jüdischen Gemeinde Eisenstadt, bis Rassenwahn und nationale Überheblichkeit ihn am 11. November 1938 in Brand steckten. Der Österreichische Gewerkschaftsbund erwarb das Grundstück und erbaute 1951 bis 1952 dieses Haus. Es soll den arbeitenden Menschen in ihrem Kampf um soziale und wirtschaftliche Besserstellung dienen. In ihm soll stets der Geist menschlicher Verbundenheit und brüderlicher Zusammengehörigkeit wirken.

Alle Augenzeugen bestätigen nämlich, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Synagoge nicht in Brand gesteckt wurde (was schon alleine deshalb glaubhaft ist, weil das Gebäude der Synagoge nicht freistehend, sondern ein Bau in der geschlossenen Häuserreihe war).
In den Jahren 1938/39 – 1945 diente der Innenraum der Synagoge den Nazis als Depotraum der Wehrmacht.

Bleibt schließlich noch anzumerken, dass es möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich ist, dass es in der Novembernacht 1938 tatsächlich wieder zu Zerstörungen an/in der Synagoge kam, dass aber die erste Zerstörung bereits Monate vorher stattgefunden hat.

9 Kommentare

    1. Meir Deutsch

      @ Thomas Petters
      You are discussing Burgenland’s synagogues.
      It sounds great that you are trying to reconstruct the synagogue of Eisenstadt.
      Just for your information – it might help you in your thesis – the synagogue of Mattersdorf/burg was reconstructed by Veronika Schmid as her thesis for the TU in Vienna (Technischen Universität Wien).
      I am sending you a link to her work that she presented:

      http://publik.tuwien.ac.at/files/PubDat_245009.pdf

      It might interest you and the other readers.
      She also had no documentation of the entire interior, but still managed to use her imagination to fill the missing parts.
      Her model is displayed in Mattersburg today – 7th April, 2016.
      I wish you luck with your thesis, and would appreciate seeing the progress of your work.

  1. Meir Deutsch

    In the blog of the memorial stone for the Mattersburg Synagogue we established that it was not desrtoyed on “Kristallnacht” but much later.
    Enclosed below an article from the internet about Jewish Deutschkreutz at:
    http://www.burgenland-bunch.org/JH/Deutschkreutz/JH-Deutschkreutz.htm

    “In 1746, the construction of the Synagogue had started. In 1834 it was replaced by a new building. This building had a rectangular ground plan, measuring 12 x 18 meters. Massive stone walls sustained a roof which was slanted on the narrow sides and piled up with bricks. The Synagogue was placed in the center of the village (Rausnitzerstraße 89) and overlooked the surrounding houses.

    On February 16th 1941 the Synagogue had been detonated; a 16 year old girl was hit by a stone from the powerful explosion and died. Documents and religious books were burned on the site.

    In 1949 the former place of the Synagogue had been fenced in and a marble memorial stone was built. In the 1970s the construction of a Konsum discounted subsidiary shop replaced the memorial stone.”

    We can see that the Synagogue there was destroyed much later than “Kristallnacht”.
    Now we have two Synagogues from the Bergenland that were not destroyed on “kristallnacht” but later. From that we can assume that all the other Synagogues in the neiborhood were also destroyed after “Kristallnacht”, including the Synagogue of Eisenstadt. Had the one in Eisenstadt been destroyed on “Kristallnacht”, would’t the other neigbouring ones not be destroyed at the same time? Why would the Barbarians differentiate between the other ones. They were close to each other?

    Now we have a Memorial Plaque at the place of the Synagogue in Eisenstadt. A memorial stone at Mattersburg. But in Deutschkreutz-Zelem we had a Memorial stone for the Deutschkreutz Synagogue, but that is gone now. Nothing to show the place of the Synagogue remains in Deutschkreutz.

      1. Meir Deutsch

        @Johannes
        But still, if the “Kristallnacht” pogrom reached Eisenstadt, it would have spread to the other township’s Synagogues.
        Were the other Synagogues “verwuested”? If yes, what was the point of destroying them. They were not Synagogues anymore, just empty buildings that could be used for other purposes, like in Eisenstadt.
        Who knows. You cannot get into the minds of barbarians.

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