Kurt Schubert

Kurt Schubert

Über die Kategorie “Bagatellen”


Dr. Fred Sinowatz und Prof. Kurt Schubert werden vom ehemaligen Oberrabbiner Bayerns und Baden Württembergs, Joel Berger, begrüßt – bei der Ausstellungseröffnung „Nicht ganz koscher?“ am 26. September 2000.


Prof. Schubert: Zum 100. Geburtstag ‒ meine Erinnerungen an den Museumsgründer und meinen Syrischlehrer


Universitätsprofessor DDr. Professor Kurt Schubert wurde am 4. März 1923 in Wien geboren und starb am 04. Februar 2007. Er wäre morgen 100 Jahre alt geworden. Ende der 1960er Jahre begann er bereits ein jüdisches Museum zu planen, nicht in Wien, wo er wohnte und arbeitete, sondern in jener Region, die aus seiner Sicht, aus historischen Gründen und vor allem auch aus Gründen der jüdischen Geschichte der Region dafür geschaffen schien: im Burgenland: 1972 wurde durch die Initiative von Prof. Schubert das erste jüdische Museum in Österreich nach 1945 gegründet, im sogenannten Wertheimerhaus, “das immerhin nach dem Schloss Esterházy der größte und bedeutendste Profanbau Eisenstadts ist!” wie es Architekt Klaus-Jürgen Bauer einmal bezeichnete.

Er und der damalige (1969) Landesrat für Kultur im Burgenland und spätere Bundeskanzler, Dr. Fred Sinowatz, dürfen als Gründerväter unseres Museums angesehen werden. Professor Schubert war Langzeit-Vizepräsident des Vereines „Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt“, Dr. Sinowatz von 1999 bis zu seinem Tod am 16. August 2008 Präsident.

Schon vor einem Jahr, am 03. März 2022, fand in Eisenstadt die 8. Preisverleihung des “Kurt Schubert-Gedächtnispreises” für interreligiöse Verständigung statt, anlässlich der ich eingeladen war, einige Worte zu Prof. Schubert und dem Österreichischen Jüdischen Museum zu sprechen. Mir waren vom Veranstalter exakt 7 Minuten dafür gegeben, hier die nahezu unveränderte Version meiner kleinen Festrede, die wohl eher eine Art Vorwort zu den eigentlichen Festreden (s.u.) war:

Meine kleine “Fest”rede

Aus zumindest zwei Gründen ist es für mich eine große Ehre hier heute ein paar Worte sagen zu dürfen: Die Preisverleihung 2022 fällt in das 50-Jahr-Jubiläum des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt. das ‒ und damit komme ich zum zweiten Grund ‒ von Prof. Schubert gegründet bzw. mitbegründet wurde. In jedem Fall aber sozusagen „erfunden“ wurde. Unser Museum ist nämlich das erste jüdische Museum in Österreich nach 1945 und immerhin das viertälteste jüdische Museum in Europa. Und wenn ich den Vergleich mit Europa bringe, dann natürlich mit Absicht, weil jüdische Museen in Israel, mit Abstrichen auch in Amerika, selbstredend eine ganz andere Aufgabenstellung, andere Vermittlungsaufgaben, eine völlig andere Programmatik haben und auch haben müssen.

Nun, im Jahr 1972, genaugenommen schon einige Jahre davor, ein jüdisches Museum in Österreich zu „erfinden“ (lassen Sie mich bei diesem Wort bleiben), war alles andere als selbstverständlich. Es war Neuland. Ein jüdisches Museum war schlicht nicht in der Vorstellung der Menschen, schon gar nicht in der politischen Vorstellung. Man konnte in Europa auch auf so gut wie keine bestehenden jüdischen Museen zurückgreifen und das letzte jüdische Museum in Österreich wurde 1938 in Wien von den Nazis vollkommen zerstört und aufgelöst.

Umso erfreulicher, dass das Projekt jüdisches Museum gelingen konnte, im Burgenland, in der Hauptstadt dieses jüngsten Bundeslandes Österreichs, hier in Eisenstadt. Und das, weil Prof. Schubert ganz zweifelsohne ein Visionär war. Was wiederum freilich kaum überrascht, weil er das ja schon bei der Gründung des Instituts für Judaistik viele Jahre davor war. Trotz aller Ideen und Visionen, bei der Gründung eines jüdischen Museums ist natürlich vor allem auch politische Hilfe notwendig, weil es ‒ neben den Ideen ‒ wesentlich um die Finanzierung geht. Und diese politische Unterstützung fand Prof. Schubert in Dr. Fred Sinowatz, damals Landesrat für Kultur im Burgenland und selbst leidenschaftlicher Historiker. Später, dann lange Jahre, bis zu seinem Tod am 16. August 2008, Präsident unseres Museumsvereines. Und ich erinnere mich gut und gerne an unsere damaligen Vorstandssitzungen und Generalversammlungen, wenn Prof. Schubert, Vizepräsident unseres Vereines, und Fred Sinowatz in tiefer Freundschaft und großer gegenseitiger Wertschätzung, über die „alten Zeiten“ sprachen, über historische und politische Ereignisse, die nur jene Menschen aus eigener Erfahrung kennen konnten, die entweder ganz oben an den Hebeln der Macht saßen (Sinowatz) oder die, die insbesondere in der Zeit des Wiederaufbaus Österreichs nach 1945 Schlüsselpositionen in der Wirtschaft oder wie Prof. Schubert, in der Wissenschaft einnahmen.

Noch eine Anmerkung zur Finanzierung: Prof. Schubert war es extrem wichtig, von Anfang an klarzustellen, dass es nach der Vertreibung der Juden heute ausschließlich die Aufgabe der österreichischen Öffentlichkeit ist ein jüdisches Museum zu erhalten, dass ein jüdisches Museum von der öffentlichen Hand finanziert werden muss. Und eben nicht von der jüdischen Gemeinde bzw. deren Vertreter, der Kultusgemeinde. Die aber sehr wohl im Vorstand vertreten sein soll. Eine nicht nur akkordierte, sondern wirklich gute Abstimmung des Museumsprogramms mit der IKG war für Prof. Schubert eine conditio sine qua non, die IKG stellte von Anfang an einen der beiden Vizepräsidenten unseres Vereines. Seit 10 Jahren ‒ auf meinen Wunsch hin ‒ stellt die Kultusgemeinde den Präsidenten, mittlerweile sogar Präsidenten und Vizepräsidenten, Letzterer in Person des burgenländischen Landesrabbiners Schlomo Hofmeister. Die IKG ist nach wie vor das einzige als juridische Person vertretene, aber nicht finanzierende Mitglied des Vereines. Eine Philosophie Prof. Schuberts, die ich 1:1 und mit voller Überzeugung übernommen habe.

Prof. Schubert und Sektionschef Raoul Kneucker bei der Präsentation meines Buches „Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde“ im Rathaus Eisenstadt, Mai 1995
Prof. Schubert und Sektionschef Raoul Kneucker bei der Präsentation meines Buches „Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde“ im Rathaus Eisenstadt, Mai 1995


Warum aber hat Prof. Schubert das Österreichische Jüdische Museum, das eben so heißt, weil es das erste in Österreich nach 1945 war, ausgerechnet im Burgenland, in Eisenstadt geplant? Die Gründe sind gute und jedenfalls richtige: Auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands existierten lange Zeit die berühmten Sieben-Gemeinden, also sieben heilige jüdische Gemeinden auf ehemals esterhàzyschem Besitz. Der Sitz unseres jüdischen Museums, das Wertheimerhaus in Eisenstadt, war das von den Fürsten für den Hoffaktor Samson Wertheimer als Landesrabbiner von Ungarn erbaute Freihaus, in der Bauzeit Ende des 17. Jahrhunderts übrigens neben dem Schloss Esterhazy der bedeutendste Profanbau Eisenstadts. Was aber wohl für Professor Schubert den Ausschlag gab: Im Wertheimerhaus, also in jenem Haus, in dem heute das Österreichische jüdische Museum untergebracht ist, befindet sich die älteste in ihrer ursprünglichen Funktion erhalten Synagoge (eine Privatsynagoge) Österreichs!

Blühendes, wir dürfen es tatsächlich so bezeichnen, jüdisches Leben existierte hier zu einer Zeit, als es im übrigen Österreich unmöglich gewesen wäre, auch nur an die Gründung einer Gemeinde oder an den Bau einer Synagoge zu denken. Aber es war auch das Burgenland, wo dieses jüdische Leben als erstes in Österreich 1938 endete. Schon im März 38, der Jahrestag wiederholt sich in wenigen Tagen, begann die einige Monate dauernde Pogromnacht für die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes. Ende Oktober 38, also vor der November-Pogromnacht, vermeldete die Presse, dass es im Burgenland keine jüdischen Gemeinden, keine Juden mehr gibt. Dass ein Wiener Universitätsprofessor das erste jüdische Museum in Österreich im Burgenland (und nicht etwa in Wien!) plante und realisierte, zeigte von historischem Bewusstsein. Denn diese 7-Gemeinden waren, wie schon angedeutet, über viele Jahrzehnte, etwas grob gesagt sogar über Jahrhunderte, der eigentliche Hotspot jüdischen Lebens in Österreich, Wien war sozusagen ein Vorort der bis heute weltberühmten jüdischen Gemeinden dieses deutsch-westungarischen Raumes. Dass Prof. Schubert auf diesen Umstand praktisch vor allen anderen aufmerksam wurde, ist vielleicht nicht nur seiner wissenschaftlichen Profession, sondern auch den Umstand zu verdanken, dass er den Ruster Wein sowie den Neusiedlersee als Wochenend-Ausflugsort außerordentlich liebte. So munkelt man zumindest.

Prof. Schubert (links stehend: Fürstin Melinda Esterhazy) bei der Präsentation meines Buches „Aus den Sieben-Gemeinden“ im Haydnsaal des Schlosses Esterhazy, Mai 1997
Prof. Schubert (links stehend: Fürstin Melinda Esterhazy) bei der Präsentation meines Buches „Aus den Sieben-Gemeinden“ im Haydnsaal des Schlosses Esterhazy, Mai 1997


Ich habe im Hauptfach Judaistik studiert, Prof. Schubert war einer meiner Lehrer. Er war schließlich auch der, dem ich meine Tätigkeit im jüdischen Museum in Eisenstadt zu verdanken habe. Aber wie es dazu kam, ist eine eigene Geschichte, die ich hier nicht erzählen werde.

Unser jüdisches Museum erbte noch zu seinen Lebzeiten tausende wissenschaftliche Bücher von Prof. Schubert. Ich erinnere mich noch gut an den schweißtreibenden Tag, als ich vor vielen Jahrzehnten mit einem geliehenen Lieferauto Führerscheinklasse B nach Wien fuhr, um die Bücher aus dem letzten Stock in der Ferstlgasse im 9. Bezirk (wo sich damals das Institut für Judaistik der Universität Wien befand) herunterzutragen und sie nach Eisenstadt zu bringen. Der Grundstock unserer bis heute schön gewachsenen und etwa 20.000 Bände umfassenden Bibliothek. Wirklich faszinierend für mich war jedoch dann bei der Inventarisierung der Buchbestände die Erkenntnis, welch hohen Stellenwert Prof. Schubert in der jüdischen Welt hatte. Denn in vielen seiner Bücher befinden sich freundschaftliche Widmungen der Großen seiner Zeit, besonders Widmungen des Who-is-Who Israels, wie etwa jene des Generalstabchefs der israelischen Streitkräfte und Archäologen Jigael Jadin.

Auch wenn sich Prof. Schubert, oder noch mehr seine Frau Ursula, in späteren Jahren ganz auf die jüdische Kunst konzentrierten und spezialisierten, Prof. Schubert gehörte noch zu einer Wissenschaftler-„Spezies“, die mittlerweile praktisch ausgestorben ist. Zum universell gebildeten Fachwissenschaftler.

Und damit möchte ich auch schließen: Denn ich habe mich nicht auf die jüdische Kunst, sondern auf ein ganz anderes Thema innerhalb der Judaistik spezialisiert, auf die hebräischen Grabinschriften. In Eisenstadt gibt es zwei jüdische Friedhöfe mit über 1.300 Grabsteinen mit ausschließlich hebräischen Inschriften. Und wie gut und gerne erinnere ich mich an die vielen Abende und angebrochenen Nächte (21h und später), wenn ich im Büro zum Telefonhörer (damals noch Festnetz natürlich) griff und Prof. Schubert in Wien anrief und ihn um Übersetzungs- oder Verständnishilfe bei einer schwierigen Inschrift bat. Und der universell gebildete Fachwissenschaftler Schubert, der das Hebräische über alles liebte und unendlich viele Stellen der rabbinischen Literatur aus dem Gedächtnis zitieren konnte, hatte immer eine helfende Idee.

Noch Monate nach seinem Tod griff ich zu später Stunde zum Telefonhörer, wenn ich so gar nicht weiter wusste. Zum Telefonhörer greife ich heute nicht mehr, der wissenschaftliche Diskurs mit Prof. Schubert in der täglichen Museumsarbeit fehlt mir aber heute noch immer, manchmal vielleicht mehr denn je.


Das Forum für Weltreligionen publizierte die Festschrift Kurt Schubert Preis 2022 mit allen Festreden. Laut Website wurde auch mein Artikel in die Festschrift aufgenommen.

Der Syrischunterricht

Da mir hier keine 7 Minuten Lesezeit vorgegeben sind, noch eine persönliche Anmerkung: Prof. Schubert war in allererster Linie mein hoch verehrter Universitätslehrer, den ich an vielen langen Abenden im Museum in Eisenstadt besser kennenlernen durfte. Eine Geschichte aus meiner Studienzeit ist mir noch ganz besonders in Erinnerung:

Mein Erstfach an der Univiersität Wien war Judaistik, mein Zweitfach Altsemitische Philologie und orientalische Archäologie. So kam es, dass ich Lust hatte auch Syrisch zu lernen, also jene mittelostaramäische (semitische) Sprache, die auch die Liturgiesprache der verschiedenen christlichen Kirchen ist (Syrisch-Orthodox, Syrisch-Katholisch usw.). Es gab aber zu meiner Zeit kein Lehrangebot in Syrisch. Daher fragte ich Prof. Schubert, von dem ich wusste, dass er die syrische Sprache beherrschte und auch früher schon gelehrt hatte, ob er nicht eine Lehrveranstaltung “Syrisch für Anfänger” auf den Lehrplan setzen könne. Er dachte nicht lange nach, schien von der Idee recht angetan zu sein, antwortete aber: “Ja gerne, aber ich mache keinen Anfängerkurs, das ist mir zu mühsam”. Ich wendete ein, dass ich doch keine Ahnung von der syrischen Sprache hatte und natürlich einen Anfängerkurs brauche.
Und so pilgerte ich sehr bald mit etlichen Audiokassetten (ja, damals, anno 1982 war das so) ans Institut und Prof. Schubert las merhere syrische Texte auf die Kassetten, empfahl mir zwei Lehrbücher und forderte mich auf, das alles in den Sommerferien zu lernen. Für Fragen stünde er mir jederzeit zur Verfügung. Nöldeke, Brockelmann und tatsächlich der Thesaurus syriacus von Robert Payne Smith (bekam ich von meinen Eltern! Damals natürlich als dickes und teures Buch und nicht als Download im Web) waren ab sofort meine ständigen Begleiter. Prof. Schubert setzte dafür im kommenden Semester eine Lehrveranstaltung “Syrisch für Fortgeschrittene” auf den Lehrplan und ich war dann auch der einzige Student in dieser Lehrveranstaltung. Das hatte viele Vorteile, der “Nachteil” aber war, dass ich der einzige war, der “drankam” zum Lesen und so las ich quasi ohne Pause (die Texte musste ich natürlich vorbereiten). Prof. Schubert schlief währenddessen seinen berühmten Halbschlaf und ich las und las und las, wöchentlich 90 Minuten. Kaum machte ich aber einen Fehler, schrak er auf und besserte mich aus. Und schlief dann weiter… ;-) Ich liebte diesen Syrischunterricht.

Psalm 18,7b – 51 auf Syrisch
Psalm 18,7b – 51 auf Syrisch




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