Aber schön war es doch

Aber schön war es doch

Über die Kategorie “Bagatellen”

 

Es ist dies mein letzter Artikel, den ich in der Koscheren Melange publizierte.

 

In der außerordentlichen Generalversammlung morgen, am 13. Juni 2023, werde ich sowohl meine Funktion als Geschäftsführer des Vereines „Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt“ als auch die Leitung/Direktion des jüdischen Museums zurücklegen. Der Grund ist meine Pensionierung im 4. Quartal.
Dieser Beitrag ist mein und der letzte auf der „Koscheren Melange“. Ich schreibe ihn nicht mehr „als Museum“. Erlauben Sie mir bitte ein paar abschließende persönliche Anmerkungen.

Ich möchte dieses mir sehr ans Herz gewachsene Museum nicht verlassen, ohne meinen Nachfolgerinnen / Nachfolgern in der Gestaltung der musealen Zukunft die größtmögliche Freiheit und den größtmöglichen Handlungsspielraum zu ermöglichen.

Jeder Mensch hat seine eigene Handschrift und sein eigenes Tempo, bevorzugt andere Inhalte und muss seine eigenen Fußstapfen machen und hinterlassen. Diese sollen nicht die Fußstapfen des Vorgängers, im konkreten Fall nicht meine Fußstapfen sein.

Wie gut erinnere ich mich, als ich vor 39 Jahren nach Eisenstadt kam, um während des Studiums im jüdischen Museum Ferialpraxis zu machen. Einige Jahre später bekam ich die Leitung des Museums übertragen. Bis dahin war die Programmatik im Wesentlichen von meinem Universitätslehrer an der Judaistik und Gründer des jüdischen Museums in Eisenstadt Prof. Kurt Schubert geprägt: seine großen Themen waren die Geschichte des österreichischen Judentums, vor allem aber die jüdische Kunst. Nun bin aber ich weder Historiker noch Kunsthistoriker und konnte mir zwar für beide Themen beim Studium Wissen aneignen, doch ich brachte zu wenig Leidenschaft dafür auf. Ich hatte mein eigenes Thema, das mir am Herzen lag, auf das ich mich spezialisieren wollte und für das ich „brannte“.
Dieses Thema waren die jüdischen Friedhöfe oder präziser: die hebräischen Grabinschriften, die mich vom ersten Tag an in Eisenstadt faszinierten. Prof. Schubert war nicht sonderlich begeistert, dass ich mich für „seine“ Themen zu wenig interessierte, ließ mich aber nicht nur selbstständig arbeiten, sondern gab mir jede erdenkliche Hilfe, wenn ich ihn darum bat. Und danke Herr Prof. Schubert, dass Sie nicht von mir verlangt haben, die „Bilderbibel des Mose dal Castellazzo“ o.Ä. im Museum ausgestellt zu lassen und mich in die jüdische Kunst zu vertiefen 😉.

Die jüdischen Friedhöfe waren in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts kein Thema im Burgenland, schon gar nicht, was Führungen oder die dringend notwendigen nachhaltigen Dokumentationen betrifft. Meine vollständige Aufarbeitung des jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt, die drei Jahre nach der Schändung im Herbst 1995 als Printpublikation erschien, war die erste vollständige Dokumentation eines großen jüdischen Friedhofes mit ausschließlich hebräischen Inschriften nach den Jahrhundertwerken von Dr. Bernhard Wachstein (Seegasse Wien 1912 und älterer jüdischer Friedhof Eisenstadt 1922) und die erste nach 1945 in Österreich. Für mich persönlich der Start der Spezialisierung.

Im Laufe der Jahre, vor allem dann mit den Digitalisierungen der jüdischen Friedhöfe ab 2010, änderte sich auch das Publikum des Museums langsam. Weder bei den Schulklassen, die 1984 genauso wichtig waren wie sie es heute sind, noch bei den Urlauberinnen / Urlaubern, die in den Sommermonaten das jüdische Museum besuchten und besuchen, hat sich über die Jahre viel verändert.

Aber das Museum war nun offen für die „Welt“, besonders für die in alle Welt zerstreuten Nachkommen der aus dem Burgenland vertriebenen und ermordeten Juden. Mit vielen dieser Nachkommen entstand zunehmend ein immer häufigerer und engerer Dialog, der auch zu unzähligen, mittlerweile mehr als ein Jahrzehnt haltenden, schönen und persönlichen Freundschaften führte. Mit den genealogischen Datenbanken im Netz stiegen auch die genealogischen Anfragen, Kooperationen mit Genealoginnen / Genealogen wurden geschlossen, Geburts-, Trauungs- und Sterbebücher wurden fotografiert, indiziert und online zur Verfügung gestellt, Einladungen zu Vorträgen in Süd- und Nordamerika 2018 und 2019 gaben mir die Gelegenheit, unser Museum weit über Österreich hinaus bekanntzumachen. Zu den berührendsten Momenten dabei gehörte der Vortrag vor der WIZO Santiago de Chile, vor Damen, die selbst 1938 aus Wien über England nach Chile emigrieren mussten und noch heute das schönste Wiener Deutsch sprechen.

Vor einem Monat hielt ich meinen deutlich klimafreundlicheren Vortrag über den jüdischen Friedhof und die neu renovierte ehemalige Synagoge von Kobersdorf via Zoom. Yvette Pintar aus Houston/Texas hatte 25 Familienmitglieder aus aller Welt vor den Bildschirmen versammelt, das Treffen dauerte knapp drei Stunden! Die gemeinsamen familiären Wurzen führen nach Kobersdorf, wohin viele von ihnen bald kommen möchten und werden. Ich hoffe sehr, dass ich die Grabsteine der Vorfahren von Yvettes Familie auf dem Friedhof bis dahin doch noch finden kann (es gibt keine Lagepläne, die Inschriften sind nahezu täglich schlechter zu lesen, in den Renovierungsphasen der letzten Jahre gab es viele Versäumnisse).

Wenn nicht jetzt, wann dann

spricht Rabbi Hillel in den Pirke Avot, den Sprüchen der Väter. Jahrzehnte konnten Menschen aus aller Welt die Gräber ihrer Vorfahren nicht finden, nicht am jüngeren jüdischen Friedhof, nicht am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt. Den jüngeren jüdischen Friedhof hatte ich schon 1995 dokumentiert, das große noch immer existierende Problem war die Tatsache, dass wir durch Wachstein zwar wussten, wer am älteren jüdischen Friedhof begraben ist, aber die Standorte der Gräber unbekannt waren. 2015 konnte ich 97% aller ca. 1.100 Grabsteine zuordnen, jeder Grabstein ist digital erfasst und online publiziert, jeder Grabstein hat einen QR-Code, um vor Ort die Suche nach den Gräbern zu ermöglichen. Seit 2017 gibt es auch am jüngeren jüdischen Friedhof auf jedem Grabstein QR-Codes, ein (auf jüdischen Friedhöfen) weltweit einzigartiges „Service“.

Der Versuch, das Museum für die „Welt“ zu öffnen, war auch ein bewusster Schritt gegen den Provinzialismus. Noch zumal das Museum, weitab der Großstadt, aber immerhin das erste jüdische Museum nach 1945 in Österreich und eines der ersten in Europa, bei seiner Gründung 1972 keine angestammte Sammlung hatte, auf der eine Dauerausstellung aufgebaut werden konnte. Das Museum befindet sich mitten im ehemaligen jüdischen Viertel von Eisenstadt, in der Mitte des früheren Handelsweges zwischen Wien und der auf ehemals batthyànischen Herrschaftsgebiet, heute in Ungarn liegenden jüdischen Metropole Nagykanizsa im Süden. Das Museum befindet sich im prächtigen und zur Zeit seiner Erbauung neben dem Schloss Esterházy architektonisch bedeutendsten Bau Eisenstadts, im Palais des Hoffaktors und ungarischen Landesrabbiners Samson Wertheimer. Im Wertheimerhaus wiederum befindet sich die älteste in ihrer ursprünglichen Funktion erhaltene Privatsynagoge Österreichs und die einzige „living“ Synagoge im Burgenland. Am Rande des ehemaligen jüdischen Viertels liegen zwei jüdische Friedhöfe mit 1.400 ausschließlich hebräisch beschrifteten Grabsteinen. Das Programm musste daher an dieses einzigartige Setting angepasst werden.

Aber die Ortschaften in unserer Region, in denen es einst jüdische Gemeinden gab, hatten längst ihren kosmopolitischen und metropolenhaften Charakter verloren. Nachfahren der zweiten und dritten Generation kamen aus den USA und aus Israel, besuchten die jüdischen Friedhöfe und danach das Museum und kehrten meist zurück, ohne die Gräber ihrer Ahnen gefunden zu haben.

Die Furcht vor dem Blick über die Grenzen dieses heute jüngsten östlichsten Bundeslandes Österreichs zu überwinden, bewusst auch über den regionalen Tellerrand zu blicken, wurde für mich jahrzehntelang zu einer der großen Herausforderungen. Mit Respekt und ein wenig Neid blicke ich zu meinen geschätzten Kolleginnen und Kollegen nach Wien und nach Hohenems, wo das alles besser gelang und gelingt. Meinen Nachfolgerinnen / Nachfolgern wünsche ich vor allem deutlich mehr Verständnis für die Notwendigkeit eines solchen Blicks und mehr ideelle, politische und finanzielle Unterstützung.

Nun wird es bald neue Besucher:innengruppen und auch neue Zielgruppen im jüdischen Museum geben, es sollen neue Programme und neue wissenschaftliche Schwerpunkte möglich sein und realisiert werden können.

Freiheit in der Gestaltung, in der Programmatik, in der Ideenfindung für das jüdische Museum bedeutet vor allem, dass der/die Nachfolger:in die Möglichkeit hat, das zu tun, was sie oder er am besten kann. Mit größtmöglicher Leidenschaft und mit größtmöglichem Zeitbudget. Dieses Neue muss entstehen können, ohne dass von den Nachfolgerinnen / Nachfolgern Wissens-, Zeit-, Personal- und Geldressourcen für die mir wichtigen Themen verlangt werden.
Abgesehen davon, dass alle potentiellen Nachfolger:innen ohnehin ganz andere wissenschaftliche Schwerpunkte haben als ich und meine Arbeit weder betreuen können (was aber nahezu täglich notwendig ist), noch betreuen wollen. Zudem hat die nachhaltige Dokumentation von Grabsteininschriften in Österreich nach 1945 für die öffentliche Hand leider generell keine Bedeutung und gilt (nach wie vor) als nicht förderungswürdig. Eine Tatsache, die leider wesentlichen Anteil daran hatte, dass die Dokumentationen nie Akzeptanz oder gar Anerkennung seitens der öffentlichen Hand und damit der Subventionsgeber des Museums erlangen konnten. All das führt jedenfalls zu folgender Entscheidung:

Die seit 2009 ohne einen Cent öffentlicher Gelder geführte „Koschere Melange“ mit ihren immerhin 3.210 Artikeln und 2.823 Kommentaren bleibt nur mehr einige Tage online. Auch das Blog soll nicht vom täglichen Museumsbetrieb ablenken oder diesen beeinflussen.

Die Social-Media-Accounts des Museums (Facebook, Twitter, Instagram und YouTube, insgesamt 11.500 Beiträge) werden, so die Entscheidung der mir folgenden interimistischen Geschäftsführung, ab sofort „mit einem pseudonymen Account vom Museum“ (sic!) übernommen und administriert.

Ich wünsche meinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern alles Gute und vor allem auch die finanziellen Möglichkeiten wieder Ausstellungen zu machen. Ich verabschiede mich und sage Danke den über viele Jahre treuen Museumsbesucherinnen und Museumsbesuchern. Auch danke ich wirklich jeder einzelnen Kommentatorin und jedem einzelnen Kommentator im Blog für ihren / seinen Kommentar.

Mir war von Anfang an wichtig, sowohl Blog als auch die Social-Media-Kanäle (Facebook & Co.) als lebendige Plattformen zu sehen, die dem Museum die Möglichkeit geben, sich zu vernetzen, mit den Menschen zu kommunizieren und mit ihnen persönlich in Dialog zu treten. Ich bin sicher, dass Blog und Social-Media-Kanäle nur funktionieren, wenn der Austausch mit den anderen ein Geben, ein Geben, ein Geben… und nur hin und wieder ein Nehmen ist.

So oft waren die Kommentare und die Dialoge eine Motivation weiterzumachen, weil es mir zeigte, dass meine Arbeit (die Dokumentationen, konkret die Transkriptionen und Übersetzungen der hebräischen Grabinschriften) nicht nur notwendig, sondern auch sinnvoll ist und Menschen glücklich machen kann.

@Alle, die Interesse an den jüdischen Friedhöfen und Dokumentationen der Grabinschriften haben:
I’ll be back!, wenn auch an einem anderen Ort im Netz. In wenigen Wochen werden die Inhalte der „Koscheren Melange“ auf meiner neuen und privaten Domain (wieder) verfügbar sein, mit eindeutigerem Fokus und vielen Updates:

Der Transkribierer

 

Über die Kategorie “Bagatellen”

 

25 Kommentare

  1. Meir Deutsch

    Dear Johannes,
    Did not know up to know that you are leaving the OJM.
    THANK YOU for all you did up to now in the OJM. I am glad to hear that you are not leaving us, just changing the page, continuing a new one.
    Thank you for saving the Mattersdorf/burg destructed tombstones documentation and its comments. Thank you for transferring the BLOG you maintained there to your new WEB page. As we say “YISSHAR KOACH” for your achievement.

    Is the OJM going to continue its operations as at your time, or is it going to be just a museum that visitors will buy tickets to visit? No more discussions, events, gatherings, or history. No contribution from the readers that enriched articles and were brought by you to our attention and some were mentioned by researchers.

    Wishing you a pleasant retirement. I am sure that you will be still working hard.
    Enjoy it,
    Meir

    1. Dear Meir, please excuse me, I had a long list of who I would like to inform and then everything happened so quickly that I couldn’t finish the list.
      Thank you very much for your comment. The museum currently has an interim management, but unfortunately I don’t know when my successor will be determined. I have no influence on it either.

      Yes, I will continue to do the work I love privately in the future.

      רב תודות וברגשי הוקרה
      Johannes

    1. Liebe Monika, tatsächlich freue ich mich ganz außerordentlich, dass es auch in Österreich jemanden (wie dich) gibt, die sich freut, dass die Inhalte erhalten bleiben. Für mich war das von Beginn an selbstverständlich. Es gibt jetzt leider einmal einen URL-Wechsel (was vor allem für die QR-Codes und manchen Kommentar in den genealogischen Portalen) von Bedeutung ist, aber dann bleiben die neuen URLs als permanent URLs zumindest bis zu meinem Ableben… und dann muss das ganze halt jemand übernehmen.
      Vielen Dank,
      Johannes

  2. Herbert Brettl

    Lieber Johannes,
    Danke für deine Hilfe, all die Jahre lang, und danke, dass du dein Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt hast. ich/ wir haben es genossen.
    Alles Gute für deinen nächsten Abschnitt. “Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”. In diesem Sinne, alles Gute weiterhin und bis bald
    Herbert

    1. Lieber Herbert,

      ich weiß jetzt gar nicht was ich sagen soll, vielen vielen lieben Dank!
      Ich bin ein überzeugter Anhänger von “you are what you share”, dennoch wissen wir beide, dass das nie eine Einbahnstraße sein kann und dass man sich auch freuen darf, wenn jemand sagt, dass sie oder er sich darüber freut.

      Also nochmals herzlichen Dank und vielleicht hast du auf Facebook gelesen auf meiner neuen Facebookseite, was ich vorhabe. Insbesondere bei Punkt 6 hab ich eigentlich auch an dich gedacht ;-)

      herzliche Grüße, Johannes

      PS: Und weil du dein schönes und wichtiges Blog nicht selbst verlinkt hast, verlinke ich es hier:

      Burgenland History Blog

  3. Bernhard Dobrowsky

    Lieber Johannes Reiss,

    danke, danke, danke für die vielen schönen und bereichernden Veranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen, Buchpräsentationen, Führungen, Konzerte, Initiativen und Gespräche! Es waren unvergessliche, bleibende Eindrücke und beglückende Momente.

    Für die künftigen Jahre alles, alles Gute! Die Forschung und das Interesse gehen ja weiter, und es wird dafür jetzt umso mehr Zeit bleiben.

    Alles Liebe und nochmals ein ganz großes Danke!

    Bernhard Dobrowsky

  4. Ruth Lindenthaler

    lieber Johannes, bin wiederum überwältigt von deinem wunderbaren Text bzw Beschreibung deines Künstler Pardon TÜFTLER-LEBENS. Freue mich dass die Lebensgeschichten und Erinnerungen erhalten bleiben und weiter erscheinen so wie du . alles Gute im neuen Bereich lg Ruth

  5. lieber Johannes, danke für die wunderbaren Beiträge. Meine Gruppe und ich melden uns im Herbst. Deine Führungen sind großartig. Wie wünschen dir eine erfolgreiche Pension – langweilig wird dir sicher nicht werden. Bitte informiere mich auch weiterhin über deine Aktivitäten.
    Danke und alles Gute Barbara

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