3. Mai 2026: Mit Randy Schönberg auf den jüdischen Friedhöfen von Gattendorf, Kittsee und Frauenkirchen
Es waren 300 Kilometer im schönen Seewinkel, die wir trotzdem entspannt abspulten, was wir der entschleunigenden Gegend verdanken. Flach und eben, in der Nähe von Frauenkirchen viele Windräder und Sonne den ganzen Tag (pannonische Tiefebene halt).
Unser erstes Ziel war Gattendorf, das einst jüdische קאטנדארף “Kottendorf”. Eine ehemals jüdische Gemeinde, die es seit dem frühen 18. Jahrhundert gab, die aber heute, was die Aufmerksamkeit auf sie betrifft, immer wieder sehr stiefmütterlich behandelt wird.
Herrn Dr. Klaus Derks, dem langjährigen Gemeindearzt von Gattendorf verdanken wir eine gründlich recherchierte und umfangreiche Monografie über die jüdische Gemeinde Gattendorf (hier zum
Download “Kattondorff. Die vergessene Judengemeinde von Gattendorf” als *.pdf-Datei).
Dr. Derks ist es auch, der mit uns zum jüdischen Friedhof fährt, der, am Rande der Ortschaft gelegen, vielleicht ein wenig schwer zu finden ist. Auf der Fahrt zum Friedhof genießen wir noch eine Führung durch das ehemalige jüdische Gattendorf: das einzige noch vorhandene jüdische Haus, der Platz, an dem bis 1996 die Synagoge bzw. das verfallene Gebäude der ehemaligen Synagoge stand, das 1996 dann geschleift wurde. Sicher keine Sternstunde fürs Burgenland, was den Umgang mit dem jüdischen Erbe betrifft.
Beim Friedhof (mit ca. 170 Grabsteinen) angelangt, treffen wir auf den Historiker, Autor und Organisator von Barockmusikkonzerten, Roman Kriszt, der uns ab nun begleiten wird.
1927 besuchte schon Leopold Moses den jüdischen Friedhof von Gattendorf:
Der Friedhof liegt eine Viertelstunde von Gattendorf entfernt, von dichten Hecken umgeben. Er ist mindestens 150 Jahre alt, und die Eheleute Neumann in Wien, die aus Gattendorf stammten, haben zu
seiner Erweiterung beigetragen; aber er war auch immer uneingezäunt und ungeschützt gewesen, bis er vor kurzem ein Drahtgitter erhielt.
Die zum Teil von fast undurchdringlichem Gestrüpp umgebenen Grabsteine weisen Namen von Familien auf, die man heute in Gattendorf vergebens suchen würde. Sie sind längst nach Wien oder Preßburg, wenn nicht gar nach Budapest abgewandert. Eine von diesen Familien führt den Namen Materna, der wohl von dem schon in der Salfeldschen Ausgabe des Nürnberger Memorbuches vorkommenden Frauennamen Matrona hebräisch abgeleitet sein dürfte. … Eine andere Gattendorfer Familie trägt den nicht weniger interessanten Namen Justitz, der wahrscheinlich auf den Vornamen Justus (Hebräisch: Zadok) zurück zu führen ist, und so kann man auch hier eine Fülle anregender Dinge finden, die unsere Kenntnis um unser eigenes Sein vermehren.
Derks K., a.a.O., 310f
Nach Gattendorf führte uns Roman Kriszt zum Dreiländereck, jenen historischen Ort “am östlichsten Ende des westlichen Europa” (Zitat Dr. Klaus Derks), an dem Österreich, Ungarn und die Slowakei aufeinandertreffen.

Nun waren wir ein wenig durstig und hungrig und wurden von Roman Kriszt in Deutsch Jahrndorf zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Ganz herzlichen Dank!
Danach ging’s weiter nach Kittsee. Danke Frau Direktor a. D. Irmgard Jurkovics, die uns den Zugang zum Friedhof ermöglichte.
Am Weg zum Friedhof kamen wir auch an jenem Haus vorbei, das 2021 von
Gerhard Ströck, weil es das Stammhaus seines Bäckereiunternehmens ist, gekauft wurde. An diesem Haus befindet sich auch die Tafel, dass es sich um das Geburtshaus des Komponisten und Violinisten
Josef Joachim handeln würde. Ist es aber nicht. Weil das Haus aber schöner war als das tatsächliche Geburtshaus von Joachim, brachte man kurzerhand die Tafel hier an diesem Haus an. Daher stimmt das Bild vom Geburtshaus des Komponisten im verlinkten Wikipedia-Artikel auch nicht!
Der jüdische Friedhof Kittsee liegt im “Schatten des Schlosses”, was gleich beim Betreten augenscheinlich wird. Die Grabsteine sind leider zum größten Teil nicht mehr lesbar und obwohl die Gemeinde Kittsee wohl für uns Wege am Friedhof gemäht hat, war das Gras dort, wo nicht gemäht war, so hoch, dass ich an diesem Tag trotz intensiven Bemühens den Grabstein von Ascher Anschel, dem Illustrator der berühmten Kittsee-Haggda, nicht finden konnte.
Nach Kittsee ging es weiter zum dritten jüdischen Friedhof, nach Frauenkirchen. Danke Dr. Herbert Brettl für die Beschaffung des Friedhofschlüssels! Historiker Herbert Brettl ist auch der Autor des Buches “Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen פראוענקירכן, 3. Auflage 2016, ein “Must-read-book”.
Der Friedhof ist der mit Abstand größte jüdische Friedhof von den drei Friedhöfen, die wir an diesem Tag besuchten und er ist, so wie übrigens der jüdische Friedhof von Gattendorf, aufgeschüttet. Das bedeutet, dass unter der heute sichtbaren Gräberschicht sich zumindest noch eine ältere Gräberschicht befindet. Aufschüttungen werden üblicherweise möglichst vermieden, aber wenn es keine Möglichkeit gibt, neues Friedhofsgelände zu erwerben (nota bene: ein jüdischer Friedhof ist immer für die Ewigkeit angelegt und darf nicht aufgelassen werden), wenn ein Friedhof voll belegt ist, gibt es manchmal keine andere Möglichkeit. Prominente Beispiele sind etwa der jüdische Friedhof von Prag oder von Bratislava. Sowohl in Gattendorf als auch in Frauenkirchen ist das Areal, wo aufgeschüttet wurde, durch die Erhebungen deutlich zu erkennen.
Die Sonne, die vielen Kilometer und Schritte auf den ersten beiden Friedhöfen machten sich jetzt leider ein wenig bemerkbar und alle in der Gruppe wurden langsam müde. Daher bekam der jüdische Friedhof von Frauenkirchen nicht mehr ganz die Aufmerksamkeit, die er verdienen würde.
Und so machten wir uns am späten Nachmittag langsam auf die Heimreise…































































































