Nagler Jakob – 02. November 1922

Nagler Jakob – 02. November 1922

Über die Kategorie “Bagatellen”

 

Jakob (Jakob Zvi) Nagler, 11. Cheschwan 683 (= Donnerstag, 02. November 1922)

Der Grabstein befindet sich am Zentralfriedhof Wien, Tor IV. Die Anfrage kam aus Ebreichsdorf (Niederösterreich).

 

Grabstein Jakob Nagler am Zentralfriedhof Wien, Tor IV, Foto: Traude Triebel
Grabstein Jakob Nagler am Zentralfriedhof Wien, Tor IV, Foto: Traude Triebel

 

Die Grabinschrift

Inschrift Jakob Nagler 1922: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Hier liegt begraben פ”נ
[2] der angesehene Fürst, gottesfürchtig wie es nicht viele gab, הנגיד החשוב ירא ה’ מרבים
[3] Synagogenvorstand der heiligen jüdischen Gemeinde Pest, ראש בית הכנסת דק”ק פעסט
[4] der torakundige (CHAVER) Herr Jakob Zvi Nagler, החבר ר’ יעקב צבי נאגלער
[5] der verstarb im Alter von 60 Jahren שנפטר בן ששים שנה
[6] am 11. Cheschwan des Jahres 683 nach der kleinen Zeitrechnung. בת הנגיד ר’ מנחם מענדל יעקעלעס ז”ל
[7] Jakob ging seinen Weg, den Weg des Lebens, יעקב הלך לדרכו דרך החיים
[8] Wohltat und Liebeswerk übte er in der Ehrfurcht des Himmels. עשה צדקה וחסד ביראת שמים
[9] Er erwarb sich einen guten Namen zur Ehre und zur Zier. קנה לו שם טוב לכבוד ולתפארת
[10] In seiner Geburtsstadt saß er in den Höhen der Stadt. בעיר מולדתו ישב במרומי קרת
[11] Gerechtigkeit gehe vor ihm her, trage ihn auf ihrem Fittich. צדק לפניו יהלך ישאהו על אברתו
[12] Seine Söhne, seine Ehefrau und seine ihn Liebenden ehrten ihn in seinem Leben und in seinem Tode. בניו ואשתו ואוהביו כבדוהו בחייו ובמותו
[13] Sie segnen seinen Namen und sein Andenken und ehren ihn. יברכו שמו וזכרו ויפארו אותו
[14] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’
[15] Der Name seiner Mutter war Malka. שם אמו מלכה
 

Anmerkungen

Zeile 1: Die Einleitungsformel wird im Hebräischen meist abgekürzt פ”נ und aufgelöst in פה נקברה “Hier liegt begraben”.

Zeile 2 (Symbol): Zeile 11: Das Wort für “Gott” bzw. das Tetragramm wird im Hebräischen (traditionell) abgekürzt und oben in der Transkription mit einem ה’ wiedergegeben.

Zeile 4: Der CHAVER ist ein verliehener Ehrentitel, am besten wiederzugeben mit “torakundig”. Verliehen wurde der CHAVER-Grad üblicherweise von der Gemeinde, der Rabbiner musste jedoch seine Zustimmung geben.

Zeile 6: Die übliche hebräische Abkürzung לפ”ק wird aufgelöst in לפרט קטן (lifrat katan) und bedeutet “nach der kleinen Zählung”, also dass der Tausender der Jahreszahl nicht geschrieben wird. Im konkreten Fall: 683 und nicht 5683.

Zeile 7: Siehe Jeremia 21,8 אֶת־דֶּ֥רֶךְ הַחַיִּ֖ים וְאֶת־דֶּ֥רֶךְ הַמָּֽוֶת׃ “dem Weg des Lebens und den Weg des Todes”.
Mitschwingt dabei natürlich auch Sprüche 5,6 ארח חיים “Weg des Lebens” und dazu besonders Raschi und die anderen Kommentare zur Stelle, die ausführlich den “Weg des Lebens” damit beschreiben, dass alle Gebote und nicht nur jene, von denen man sich größeren Lohn erwartet zu erfüllen sind. In den Kommentaren wird dies u.a. durch ein Gleichnis von Arbeitern in einem Garten, die am Abend verschiedene Löhne erhalten, illustriert.

Zeile 8: Sprüche 21,21: רֹ֭דֵף צְדָקָ֣ה וָחָ֑סֶד “Wer nach Gerechtigkeit und Güte strebt”.

Zeile 9: Vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Berachot 17a “…Heil dem, der … mit gutem Namen gestorben ist …” ‎…אשרי…שנפטר בשם טוב; vgl. auch babylonischer Talmud, Traktat Avot II,8 “…hat er einen guten Namen erworben, hat er etwas für sich erworben” …קנה שם טוב, קנה לעצמו…. Der gute Name kommt im Gegensatz zu allen anderen geistigen und sittlichen Gütern fast ausschließlich dem Besitzer zugute und bleibt auch nach dem Tod sein eigen (Hirsch Samson Raphael, Siddur. Israels Gebete, Zürich-Basel 1992, 443); s. auch Avot IV, 7 “… Drei Kronen gibt es: die Krone der Tora, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber erhebt sich über sie” ‎‏‏ … שלשה כתרים הן: כתר תורה וכתר כהונה וכתר מלכות: וכתר שם טוב עולה על גביהן.

Exodus 28,2 (mit Kontext): וְעָשִׂ֥יתָ בִגְדֵי־קֹ֖דֶשׁ לְאַהֲרֹ֣ן אָחִ֑יךָ לְכָב֖וֹד וּלְתִפְאָֽרֶת׃ “Lass für deinen Bruder Aaron heilige Gewänder der Ehre und der Würde anfertigen!”.

Zeile 10: Sprüche 9,3 im Kontext שָׁלְחָ֣ה נַעֲרֹתֶ֣יהָ תִקְרָ֑א עַל־גַּ֝פֵּ֗י מְרֹ֣מֵי קָֽרֶת׃ “Sie hat ihre Mägde ausgesandt und lädt ein / auf der Höhe der Stadtburg”.
Gemeint ist, dass er in den höchsten Ämtern der Stadt vertreten war. Seine Geburtsstadt war Budapest.

Zeile 11: Psalm 85, 14 im Kontext צֶ֭דֶק לְפָנָ֣יו יְהַלֵּ֑ךְ וְיָשֵׂ֖ם לְדֶ֣רֶךְ פְּעָמָֽיו׃ “Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte”. 

Zeile 14: Die sogenannte Schlusseulogie (“das gute Wort am Ende der Inschrift”) ist eigentlich ein Zitat aus 1 Samuel 25,29, wo Abigail zu David sagt: “so soll das Leben meines Herrn eingebunden sein in das Bündel der Lebendigen” וְֽהָיְתָה֩ נֶ֨פֶשׁ אֲדֹנִ֜י צְרוּרָ֣ה ׀ בִּצְר֣וֹר הַחַיִּ֗ים. Sie wird in Grabinschriften meist abgekürzt תנצבה.

Zeile 7-13: Akrostichon: Die Anfangsbuchstaben ergeben die beiden hebräischen Vornamen des Verstorbenen (Jakob Zvi).

 

Biografische Notizen

Jakob (Jakob Zvi) Nagler, geboren 06. Juli 1863 in Budapest, zuständig nach Wien, Wohnadresse: Wien III, Veithgasse 5, Fabrikant (Baumwollspinnerei), gestorben 02. November 1922 um 9 Uhr Vormittag in Wien im Sanatorium Löw an Dickdarmkrebs, begraben am 04. November 1922 am Zentralfriedhof Wien, Tor IV. Das Begräbnis zahlte Alexander Nagler, Sohn.

Eintrag Sterbebuch Wien, Jakob Nagler, 02. November 1922
Eintrag Sterbebuch Wien, Jakob Nagler, 02. November 1922

Vater: Abraham Nagler, gestorben 23. Februar 1909 in Budapest
Mutter: Maria Pollitzer, gestorben 1956 in Budapest

Schon Vater Abraham Nagler war (wie später sein Sohn, siehe oben Grabinschrift Zeile 3) Synagogenvorsteher in Budapest. Im Jahr 1900 stiftete er eine Torarolle samt Mantel, Toraschild und Rimmonim seiner Synagoge (Rombachstraße Budapest, jene Synagoge, die nach den Plänen von Otto Wagner erbaut wurde!):

Am Laubhüttenfeste fand in der Rombachsynagoge gelegentlich des Festgottesdienstes die Einweihung einer neuen Thorarolle statt. Der hauptstädtische Großhändler und Synagogenvorsteher Herr Abraham Nagler, ein frommgläubiger und hochherziger Sohn Israels, ließ von Meisterhand eine Thorarolle schreiben, schaffte für diese ein prachtvolles Mäntelchen an und zierte dasselbe mit kostbarem Silberschmuck, so daß die neue Thorarolle eine Zierde unserer heiligen Lade bildet und dem edlen Spender zur hohen Ehre gereicht. Den Weihakt vollzog Herr Rabbiner L. Pollak, wobei er eine gehaltvolle Rede hielt und dem Spender für seine Spende dankte. Herr Nagler wurde zu “seiner” Thora hochaufgerufen und sprach nebst der vorgeschriebenen Benediktion noch das Schechejonu. Obercantor Jakob Bachmann machte Herrn Nagler einen herrlichen Mischeberach, bei welcher Gelegenheit mehrere Humanitätsinstitute mit Geldspenden bedacht wurden.

Die Neuzeit, 10. Oktober 1900, Seite 9

Ehefrau: Johanna Ungar, geboren 21. Juli 1876, geheiratet 11. April 1896 in Eisenstadt
Vater der Ehefrau: Leopold Ungar, gestorben 16. August 1907
Mutter der Ehefrau: Betti Guttmann, gestorben 17. August 1905. Beide Eltern der Ehefrau sind am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.

Eintrag Trauungsbuch Eisenstadt Jakob Nagler und Johanna Ungar, 11. April 1896
Eintrag Trauungsbuch Eisenstadt Jakob Nagler und Johanna Ungar, 11. April 1896

Johanna Ungar ist die Schwester von Rosa Opler, geb. Ungar, gest. 03. Juli 1919, begraben am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.

 

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