Kohn Rachel – 13. August 1807

Kohn Rachel – 13. August 1807

Personenregister neuer jüdischer Friedhof Nikolai (Mikołów)

 

Der Grabstein befindet sich am neuen jüdischen Friedhof Nikolai (Mikołów), Polen. Das Foto wurde mir vom Nikolaier Geschichtsverband (Mikołowskie Towarzystwo Historyczne) zur Verfügung gestellt, der auch alle Rechte am Foto hat.

Rachel Tochter Ahron Kohn, 9. Av 567 (= Donnerstag, 13. August 1807)

Grabstein Rachel Tochter Ahron Kohn, 9. Av 567 = Donnerstag, 13. August 1807; Copyright: Piotr Grodecki, Geschichtsverband Nikolai
Grabstein Rachel Tochter Ahron Kohn, 9. Av 567 = Donnerstag, 13. August 1807; Copyright: Piotr Grodecki, Geschichtsverband Nikolai

 

Die hebräische Grabinschrift

Inschrift Rachel Tochter Ahron Kohn, 1807: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Hier liegt begraben. פ”נ
[2] Rachel starb in ihrer Jugend. ותמת רחל בילדות
[3] Ihre Taten waren beglückt, מעשיה היו מאושרות
[4] ihre Hände waren den Armen gegenüber ausgestreckt, ידיה לענים היתה פרושות
[5] Das ist sie, die bescheidene Frau, Frau Rachel, ה”ה האשה הצנועה מרת רחל
[6] Tochter unseres Lehrers, des Herrn, und unseres Meisters, Herrn (MORENU) Ahron Hakohen, sein Andenken sei zum Segen, deren Seele בת מ”ו”ה אהרן הכהן זל שיצאה
[7] hinwegging zu [Tischa be-]Av 567 nach der kleinen Zeitrechnung. נשמתה ביום [תב] אב ת”ק”ס”ז לפ”ק
[8] Das ist das Grabdenkmal Rachels, nach der kleinen Zeitrechnung. היא מצבת <ק=כברת> רחל לפ”ק
[9] Ihre Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens. ת”נ”צ”ב”ה”
 

Anmerkungen

Auffällig in dieser Inschrift sind mehrere gravierende Fehler.

Zeile 1: Die Einleitungsformel wird im Hebräischen meist abgekürzt פ”נ und aufgelöst in פה נקברה “Hier liegt begraben”.

Zeile 2: Genesis 35,19: וַתָּ֖מׇת רָחֵ֑ל “Rachel starb”.

Am Schluss der Zeile: Das בילדות kann sowohl mit “in der Jugend” als auch “in der Kindheit” übersetzt werden. Insbesondere aufgrund des Inhalts von Zeile 3 und besonders von Zeile 4 ziehe ich aber hier “in der Jugend” vor.

Zeile 3: Eher zu erwarten wäre etwa מעשיה היו נעימה “ihre Taten waren anmutsvoll” o.ä.; מאושרות ist jedenfalls vor allem grammatikalisch falsch, es müsste, wenn schon ein Partizip Pu’al verwendet wird, מאושרים sein. Vgl. auch Psalm 41,3 וִ֭יחַיֵּהוּ (יאשר) [וְאֻשַּׁ֣ר] בָּאָ֑רֶץ “er wird glücklich gepriesen im Lande”.

Zeile 4: Es muss היו und nicht היתה heißen, weil ידיה “ihre Hände” ein Plural ist.

Zeile 5: Für die häufige Abkürzung ה”ה gibt es viele mögliche Auflösungen, ich löse es hier mit הלא היא “Das ist die” auf.

Zeile 6: Die Abkürzung מ”ו”ה wird aufgelöst in מורנו הרב ורבינו “unser Lehrer, der Herr und unser Meister”. Den “MORENU”-Titel, den nur besonders gelehrte Männer erhielten, bezeichnet Bernhard Wachstein als “synagogaler Doktortitel” (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Der Namenszusatz הכהן “Hakohen” (“der Priester”) zeigt an, dass der Vater aus dem (aaronidischen) Priestergeschlecht (Kohanim) stammt. Siehe dazu meinen Artikel “Der Herr segne und behüte dich“.

Der abgekürzte Segenswunsch nach dem Namenszusatz זל wird aufgelöst in זכרונו לברכה “sein Andenken sei zum Segen” und zeigt an, dass der Vater der Verstorbenen zum Zeitpunkt des Ablebens seiner Tochter ebenfalls schon tot war.

Zeile 6 Ende / Zeile 7 Anfang: In der hebräischen Inschrift steht am Ende der Zeile 6 שיצאה “die hinwegging” und in Zeile 7 am Anfang נשמתה “ihre Seele”. Im Deutschen kann das nicht so und daher nicht korrekt zeilengerecht wiedergegeben werden, sondern muss umgedreht werden, weil der relative Anschluss zum Substantiv und nicht zum Verb gehört “deren Seele hinwegging”.

Zeile 7: In der Mitte der Zeile scheint eine verderbte Stelle zwischen dem Tagesdatum und dem Monatsnamen zu sein. Das Tagesdatum ist zudem schwer und nicht 100% sicher zu lesen, aber es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein ת “Taw” und den Rest des Buchstabens ב “Bet”, also abgekürzt für תשעה באב, der 9. Tag des Monats Av, der ein Fast- und Trauertag ist und an dem u.a. der Zerstörung des Tempels in Jerusalem gedacht wird. Vergleicht man das ב “Bet” mit den beiden Buchstaben ב “Bet” in der 2. Zeile (3. Buchstabe) und in der 6. Zeile (1. Buchstabe), fallen die doch relativ langen horizontalen Striche des Buchstabens auf, die zumindest einen Teil des großen Abstands zwischen (dem wahrscheinlichen) ב “Bet” und dem Monatsnamen אב “Av” erklären können. Vergleichen wir diese Buchstaben ב “Bet” dann noch mit dem ב “Bet” in der letzten Zeile (4. Buchstabe) und dem Buchstaben נ “Nun” in der letzten Zeile (2. Buchstabe), der doch wesentlich kürzere horizontale Striche hat, wäre mE die Hypothese, dass wir “Tischa beAv” lesen, sehr wahrscheinlich bestätigt.

Am Zeilenende: Die übliche hebräische Abkürzung לפ”ק wird aufgelöst in לפרט קטן (lifrat katan) und bedeutet “nach der kleinen Zählung”, also dass der Tausender der Jahreszahl nicht geschrieben wird. Im konkreten Fall: 567 und nicht 5567.

Zeile 8: Es handelt sich eindeutig um ein Zitat aus Genesis 35,20 (hier der ganze Vers; s. o. auch Anmerkung zu Zeile 2) וַיַּצֵּ֧ב יַעֲקֹ֛ב מַצֵּבָ֖ה עַל־קְבֻרָתָ֑הּ הִ֛וא מַצֶּ֥בֶת קְבֻֽרַת־רָחֵ֖ל עַד־הַיּֽוֹם׃ “Jakob stellte einen Denkstein auf ihr Grab; dort ist noch heute das Grabdenkmal Rahels”. כברת ist also falsch, es muss קברת sein.

Am Zeilenende: Die Abkürzung לפ”ק “nach der kleinen Zeitrechnung”, s.o. Zeile 7, an dieser Stelle macht wenig oder vielleicht auch gar keinen Sinn. Eventuell könnte es ein Hinweis darauf sein, dass Rachel am selben Tag, also am Sterbetag, begraben wurde. Sicherheit würden wir nur durch einen entsprechenden Eintrag im Sterbe- oder im Beerdigungsbuch bekommen.

Zeile 9: Die sogenannte Schlusseulogie (“das gute Wort am Ende der Inschrift”) ist eigentlich ein Zitat aus 1 Samuel 25,29, wo Abigail zu David sagt: “so soll das Leben meines Herrn eingebunden sein in das Bündel der Lebendigen” וְֽהָיְתָה֩ נֶ֨פֶשׁ אֲדֹנִ֜י צְרוּרָ֣ה ׀ בִּצְר֣וֹר הַחַיִּ֗ים. Sie wird in Grabinschriften meist abgekürzt תנצבה.

 

Biografische Anmerkung

Rachel Tochter Ahron Kohn, 9. Av 567 = Donnerstag, 13. August 1807, vielleicht am selben Tag begraben (s. o. Anmerkung zu Zeile 8).

 

Personenregister neuer jüdischer Friedhof Nikolai (Mikołów)

 

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