Im März fand der zweite Hebräischkurs für Anfänger:innen in Wien statt. Sieben wunderbare und hochinteressierte Teilnehmer:innen waren gekommen und den Abschluss machten wir gestern am jüdischen Friedhof Währing. Aber der Reihe nach:

Der Kurs fand wieder im schönen
Zentrum im Werd statt, also mitten in der einstigen Mazzesinsel. Dieses ganze Gebiet hieß einst “Werd”, es war das seit 1624/25 bestehende
“Ghetto im Unteren Werd“, wohin die durch ein Privileg von Kaiser Fedinand II. aus der Stadt vertriebenen Juden angesiedelt wurden. Zu Fronleichnam 1670 vertrieb Kaiser Leopold I. die Juden aber von dort und ab nun hieß und heißt das Gebiet nicht mehr “Werd” sondern Leopoldstadt, in Erinnerung an den erfolgreichen Kaiser Leopold :-( Schon im August 1671 wurde an der Stelle der ehemaligen Synagoge die katholische Leopoldskirche errichtet und dem heiligen Leopold geweiht:
in Anwesenheit des durchlauchtigsten römischen Kaisers Leopold… und seiner durchlauchtigsten Gemahlin Margaritha…., die nach Sturz der Synagoge… errichtete Kirche nach gänzlicher Austreibung der Hebräer aus Niederösterreich geweiht worden…
Tafel über dem Portal der Leopoldskirche mit lateinischer Inschrift, oben die deutsche Übersetzung.
Der Kurs dauerte insgesamt 4 Tage (2 x 2 Tage) und am zweiten Tag hatten wir schon alle 22 hebräischen Buchstaben gelernt. Nach vier Tagen waren wir mit der Laut- und Schriftlehre durch und besuchten am letzten Tag den jüdischen Friedhof Währing, vor allem auch, um das Gelernte in der Praxis anzuwenden. Vielen herzlichen Dank an den
Verein jüdischer Friedhof Währing und besonders an Mag. Wolf-Erich Eckstein, der uns nicht nur den Friedhof zugänglich machte, sondern uns auch eine ganz besondere Führung zuteil werden ließ. Wer könnte das auch besser als er, der seit Jahren den jüdischen Friedhof Währing dokumentiert, wirklich praktisch jeden Grabstein und jedes Grabsteinfragment kennt, katalogisiert und verzeichnet hat. Und das auch weiter machen wird, wie er selbst sagt, weil noch sehr, sehr viel zu tun ist.

Und so begannen wir beim ältesten Grabstein des Friedhofes, bei Simon Salloman Sinzheim, der am 14. April 1784 an “Abzehrung” starb, besuchten natürlich auch die Grabstätte des chassidischen Wunderrabbis Hirsch Landmann, der 1867 starb und um dessen Grabstelle sich so manch wundersame Legende rankt. Wolf-Erich Eckstein zeigte uns unter anderem aber auch das Grabmal des zweijährigen Samuel Oser, Sohn des türkischen Handelsmannes Abraham Oser. Das kleine Kind wurde am 28. August 1851 von einer Kutsche überfahren und starb. Auf dem Grabstein findet sich die Kutsche abgebildet, die freilich hier gar nicht “begraben” ist…
Alle Teilnehmer:innen konnten das Gelernte supergut in der Praxis anwenden, wir rechneten Sterbedaten um und lasen viele Namen in den Grabinschriften. Wir lernten auch Akrosticha zu erkennen und zu lesen, mit Kreide und Tuch Grabinschriften lesbarer zu machen und schlossen unseren Anfänger:innen-Kurs gestern, Sonntag Nachmittag, ab, nicht ohne schon fortgeschrittene Übungsstunden in den nächsten Wochen und Monaten zu planen.
Vielen Dank für das große Interesse und allen für die Teilnahme und ich freue mich auf weitere Hebräischstunden im Werd!







