Personenregister jüdischer Friedhof Währing
David Lichtenstadt, 08. Tischre 570 (= Montag, 18. September 1809)
Die Grabinschrift
| [1] H(ier liegt) b(egraben) | פ”נ |
| [2] der junge, unverheiratete Mann, gepriesen in den Toren, | הבחור מהולל בשערים |
| [3] treu in der Gerechtigkeit und aufrichtig, d(er ehrenwerte) David, Sohn des teuren, | אמון בצדק ומישרים כ דוד בן היקר |
| [4] d(es ehrbaren) H(errn), H(errn) Wolf Lichtenstadt, u(nser Fels = Gott) m(öge ihn segnen) u(nd beschützen). | כהרר וואלף ליכטענשטאט יצו |
| [5] Über den guten jungen Mann, der hier ruht, stimmt an Klagen und Wehgeschrei! | עלי נער טוב השוכב פה שאו קנה ונהי |
| [6] Wahrheit und Güte säte er auf die Furchen seines Herzens, | אמת וחסד זרע על תלמי לבהו |
| [7] Schon in seiner Jugend ließen seine Blüten erahnen, welche Früchte er später tragen würde. | בעלומיו בפרחים הראה פריו מה תהי |
| [8] Nun genießt er im ewigen Leben die Frucht seiner guten Taten. | עתה בחיי נצח יאכל פרי מעלליהו |
| [9] Er verstarb am Tag 2 (= Montag) und wurde tags darauf begraben, | נפטר ביום ב ונקבר למחרתו |
| [10] am Tag 3 (= Dienstag), V(orabend des) J(om) K(ippur) 570 n(ach der kleinen Zeitrechnung). | ביום ג עיכ תקעל |
Anmerkungen
Zeile 2: S. Sprüche 31,31 תְּנוּ־לָ֭הּ מִפְּרִ֣י יָדֶ֑יהָ וִיהַלְל֖וּהָ בַשְּׁעָרִ֣ים מַֽעֲשֶֽׂיהָ׃ “Gebt ihr vom Ertrag ihrer Hände, / denn im Stadttor rühmen sie ihre Werke!”
Zeile 4: Der Schlusssegen ist wie üblich abgekürzt, aufgelöst יברכהו צורנו וישמרהו “unser Fels (= Gott) möge ihn segnen und beschützen” und zeigt an, dass der Vater beim Ableben seines Sohnes noch am Leben ist. Wolf Lichtenstadt starb am 10. September 1813.
Zeile 6: Zur Bildersprache (Herz als Acker) s. etwa Hosea 10,12 זִרְע֨וּ לָכֶ֤ם לִצְדָקָה֙ קִצְר֣וּ לְפִי־חֶ֔סֶד נִ֥ירוּ לָכֶ֖ם נִ֑יר וְעֵת֙ לִדְר֣וֹשׁ אֶת־יְהֹוָ֔ה עַד־יָב֕וֹא וְיֹרֶ֥ה צֶ֖דֶק לָכֶֽם׃ “Sät für euch in Gerechtigkeit, / erntet in Liebe! Nehmt Neuland unter den Pflug! / Es ist Zeit, den HERRN zu suchen; dann wird er kommen / und Gerechtigkeit auf euch regnen lassen.” Oder auch Jeremia 4,3 כִּי־כֹ֣ה ׀ אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה לְאִ֤ישׁ יְהוּדָה֙ וְלִיר֣וּשָׁלַ֔͏ִם נִ֥ירוּ לָכֶ֖ם נִ֑יר וְאַֽל־תִּזְרְע֖וּ אֶל־קֹצִֽים׃ “Denn so spricht der HERR / zu den Leuten von Juda und zu Jerusalem: Nehmt Neuland unter den Pflug / und sät nicht in die Dornen!”
Zum letzten Wort der Zeile: Für das Suffix bzw. die Form לִבֵּהוּ “libehu” konnte ich keine Belegstellen finden, grammatikalisch ist diese klassisch-biblische Suffixform selbstverständlich ohne weiters möglich (statt לִבּוֹ, s. u. Anmerkung zu Zeile 8).
Zeile 7: Zu erwarten wäre (grammatikalisch korrekt) יהי und nicht תהי.
Allerdings dürfte es sich dabei um eine übliche Formulierung in halachischen Diskussionen handeln und sich jeweils auf die Zukunft, auf Ergebnisse usw. beziehen, ungeachtet des grammatikalischen Geschlechts. Das vielleicht bekannteste Beispiel finden wir im babylonischen Talmud, Traktat Berachot 35b רַבִּי שִׁמְעוֹן בֶּן יוֹחַאי אוֹמֵר: אֶפְשָׁר אָדָם חוֹרֵשׁ בִּשְׁעַת חֲרִישָׁה, וְזוֹרֵעַ בִּשְׁעַת זְרִיעָה, וְקוֹצֵר בִּשְׁעַת קְצִירָה, וְדָשׁ בִּשְׁעַת דִּישָׁה, וְזוֹרֶה בִּשְׁעַת הָרוּחַ, תּוֹרָה מַה תְּהֵא עָלֶיהָ? “R. Schimon bem Jochaj sagte: Ist es denn möglich, dass ein Mensch zur Zeit des Pflügens [nur] pflüge, zur Zeit des Säens [nur] säe, zur Zeit des Mähens [nur] mähe, zur Zeit des Dreschens [nur] dresche und zur Zeit des Windes [nur] worfele (das Getreide von der Spreu trennen), was sollte aus der Tora werden!? Vielen Dank an Janet Shamir, Israel, für die Hilfe!
Interessant, dass die ursprüngliche Abschrift gleichsam automatisiert eine Art “Schulkorrektur” vornimmt und יהי schreibt, was freilich von Pinchas Heinrich dann auf תהי korrigiert wird.
Zeile 8: פרי מעלליהו “Frucht seiner guten Taten”. Auch hier wird wie bei לבהו oben in Zeile 6, das klassisch-biblische Suffix verwendet. Einen Beleg dafür finden wir in den Responsa des REMA 91. (Mit “REMA” oder “REMU” ist der große Rabbiner Moses ben Israel Isserles, geb. um 1525 in Krakau, gest. 1. Mai 1572 ebd., gemeint. Seine
Responsen (Fragen und Antworten) erschienen zwischen 1540 und 1570 und wurden selbstverständlich in Raschischrift verfasst (
שאלות ותשובות הרמ”א).
Zeile 5-8: Wir haben hier, in der Eulogie, also im Lobteil der Inschrift, ein Beispiel eines wunderschönen Kreuzreims, der dem Muster a-b-a-b folgt: Zeilen 5 und 7 enden auf -i, Zeilen 6 und 8 auf -u.
| [5] -hi | ונהי |
| [6] -hu | לבהו |
| [7] -hi | תהי |
| [8] -hu | מעלליהו |
Dieser Kreuzreim sichert schließlich auch die korrekte Lesung der jeweils letzten Wörter in der vierzeiligen Eulogie.
Insgesamt dürfen wir die Eulogie, die wohl eher ein wenig untypisch für eine Grabinschrift für ein Kind (oder sehr jungen Mann) ist, als literarisch hochwertig und mit sauber komponierter metrisch-poetischer Struktur bezeichnen. Einerseits besticht die biblische Bildsprache (“säen”, “Frucht”, “Furchen” = “Acker” des Herzens”, “Lohn”, “Frucht seiner Taten”…, s. oben Anmerkung zu Zeile 6), andererseits die bewusst gewählte klassisch-biblische-poetische Suffixform wegen des Klanges, des Rhythmus und des Reimes: לבהו מעלליהו (s. o. Anmerkung zu Zeile 6 und zu Zeile 8).
Biografische Notizen
David Lichtenstadt, geb. 28. Mai 1795, geb. ca. 1747, gest. mit 14 Jahren am 08. Tischre 570 = Montag, 18. September 1809 an einer Hauttuberkulose, begraben am Erev Jom Kippur = 9. Tischre 570 = Dienstag, 19. September 1809 am jüdischen Friedhof Währing.
Vater: Wolf Lichtenstadt, Traiteur, gest. mit 66 Jahren 10. September 1813, begraben neben seinem Sohn David am jüdischen Friedhof Währing
Mutter: Barbara / Babette (Bella) Prager, geb. wahrscheinlich in Prag um 1768, gest. mit 71 Jahren am 22. Februar 1839, begraben am jüdischen Friedhof Währing
Standort
Alte Numerierung (Gräberbuch): Gruppe 4, Grab 496.
Neue Numerierung: Gruppe 4, Reihe 9, Grab 32.
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